Dem guten Leben entgegen

Dass ein Inder nach Frastanz reist, um Buddhismus einzuüben, hat schon seine Richtigkeit.
Frastanz. Der Wind treibt seine Späße mit den Gebetsfahnen. Ein Mönch schürzt die rote Kutte, schreitet forsch den Hügel hinan und umrundet das marmorne Monument oberhalb von Frastanz murmelnd im Uhrzeigersinn.
Hierher also ist der 28-jährige Inder Suman Barua vor zwei Jahren seinem Bruder, einem Mönch, gefolgt. Reiste von Indien ausgerechnet nach Vorarlberg, um sich mit dem Buddhismus ernsthafter vertraut zu machen. Denn obwohl die Lehre von Erleuchtung und Wiedergeburt im Norden Indiens ihren Ausgang nahm, leben heute nur mehr 6,6 Millionen Buddhisten unter den 1,2 Milliarden Einwohnern des Vielvölkerstaates. „Zuhause hätte ich auch diese Strukturen nicht“, bekennt der „Beute-Vorarlberger“ Suman Barua, dem Land und Leute außerordentlich behagen.
Ausbildung im Tourismus
Ende Mai 2013 schließt er in Bludenz die Tourismusschule ab. Er will bald selber Geld verdienen. Auf eigenen Beinen stehen, vor allem aber seine Eltern unterstützen. „Mama und Papa leben in Kalkutta. Sie haben alles für mich gegeben, da ist es doch nur selbstverständlich …“
Im Kloster am Frastanzer Letzehof war der Spross aus einer uralten buddhistischen Familie hoch willkommen. Schon in Kalkutta hatte er als Jugendlicher Schriften des ehrwürdigen Gonsar Rinpotsche (63) gelesen; ein Fürst unter den Tibetern, der schon mit sechs Jahren einer Klosterschule beitrat. Heute führen Gonsar Rinpotsches Schriften im Buchladen des Frastanzer Klosters Neuankömmlinge in diese fremde, bunte und fröhliche Welt.
Ob auch Suman Barua Mönch werden will, weiß er noch nicht. Eine Freundin hatte er. Aber da nimmt er Zuflucht zu einem verschämten Lächeln. Das wird dann doch zu privat. Tatsächlich studiert er abseits der Tourismusschule am Letzehof buddhistische Theologie. Er hört philosophische Unterweisungen. Als er den Meditationsraum des Klosters betritt, wirft er sich dreimal zu Boden „aus Respekt“. Den bezeugt er auch einer grünen Statue von „Tara“, die neben den Buddhas thront. Sie ist die „weibliche, friedvolle Manifestation erleuchteter Weisheit“.
Ein Lernender
Und woran glaubt Suman Barua? „Vor allem an mich selbst“, sagt er. Das soll nicht vermessen klingen. Suman glaubt daran, „dass ich das Gute tun kann“. Dazu freilich müsse er „noch viel mehr lernen“. Er tippt sich lachend an die Stirn und bekennt: „Da ist noch viel zu wenig drin.“
Das Gute tun. Das sagt sich so leicht. Aber klappt das auch im Affekt? Wenn dich etwa einer anpöbelt …, „dann kenne ich Vorbilder, an denen ich mich orientieren kann“. Suman sagt, er denke viel öfter nach, seit er sich entschlossen habe, bewusst zu einem mitfühlenden Wesen zu werden. Und er achtet auf eine gedeihliche Umgebung. Ganz buddhistisch greift er zu einem Sprachbild und erzählt die Geschichte vom frischen Apfel, der alsbald selber faulig wird, wenn er mit faulen Äpfeln eine Schale teilt. So sei es auch mit dem Menschen. Gelingt ihm aber ein gutes Leben zum Wohl der anderen, sammelt er gutes Karma durch gute Taten, dann wird er eines Tages den Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen und befreit ins Nirwana eingehen. Erreichen kann das freilich nur, wer als Erstes lernt, sich selber nicht mehr zu belügen.
Buddhisten
Der Buddhismus ist je nach Quelle mit weltweit 230 bis 500 Millionen Gläubigen nach Christentum, Islam und Hinduismus die viertgrößte Religion der Erde. Die Buddhisten berufen sich auf die Lehren des Siddhartha Gautama, der in Nordindien lebte. Er lehrt eine befreiende Einsicht in die Grundtatsachen allen Lebens, aus der sich die Überwindung des leidhaften Daseins ergibt.