„Man sollte mit 60 stehen bleiben“

Abseits aller Theologie lebt Rosmarie Zanol ihren Glauben mit verblüffendem Ausgang.
Dornbirn. Rosmarie Zanol hat schon Kekse gebacken. Auch wenn sie und ihr Mann Egon selber keine Kinder haben, ist die Familie doch groß. Ein Foto vom jüngsten Treffen in Kärnten beweist es. Dort kommt Rosmarie her.
1955 kam sie nach der Haushaltungsschule auf Stellensuche nach Vorarlberg. Bei einem Lebensmittelhändler wurde sie „Mädchen für alles“. Und „mit 19 Jahren hab’ ich geheiratet.“
„Genauso gut wie alle“
Heute ist Rosmarie Zanol 73 Jahre alt und ein zufriedener Mensch. Das spürt man. „Mei, haben’s wir schön“; so ein Gedanke erfüllt sie wieder und wieder. Selbst als sie aus einer rein protestantischen Kärntner Gemeinde ins katholische Dornbirn kam, hat sie das nicht irritiert. „Unsere Seniorchefin hatte in der Schweiz Protestanten kennengelernt und hat mir gesagt: Ihr Evangelische seid genauso gut wie alle anderen.“
Daheim in Kärnten ist der Vater mit ihr und ihren fünf Geschwistern an hohen Feiertagen in die Kirche gegangen. Die Mutter hielt eine Bibel auf dem Nachtkästchen griffbereit und las täglich darin. So wuchs sie auf.
Und woran glaubt Rosmarie Zanol heute? „Ich glaube, dass es eine höhere Macht gibt.“ Später spricht sie vom Herrgott, dem sie vertraut, wenn das Leben mal schwieriger wird: „Er wird schon wissen, warum.“ An ein Leben nach dem Tod aber vermag sie nicht zu glauben. Also ist alles zu Ende mit dem letzten Atemzug? „Ja“, sagt Rosmarie Zanol und erinnert sich an einen Sommertag, als sie sich erstmals ihrer Bienenallergie bewusst wurde. Sie ist ohnmächtig umgekippt, und als sie wieder zu sich kam, „waren do Schlüch und Lüt“. Sie aber dachte bei sich, „es hätte jetzt auch aus sein können“ und „schlimm war das nicht“.
Nur manchmal verursacht ihr der Gedanke an die Endlichkeit Zeitnot. Dann wünscht sich Rosmarie Zanol: „Eigentlich sollten wir mit 60 Jahren stehen bleiben dürfen.“ Dass ihr einfacher, gelebter Glaube im Widerspruch zum Bekenntnis der Kirche steht, weiß sie wohl. Aber sie zieren in ihrer Offenheit nahezu lutherische Züge: Sie kann halt auch nicht anders.
Protestanten
Weltweit leben heute rund 400 Millionen Protestanten. In Vorarlberg unterscheidet man je nach Herkunft zwischen „Lutherischen“ (Augsburger Bekenntnis) und „Reformierten (Helvetisches Bekenntnis). Inhaltlich prägend sind die Konzentration auf die Bibel, die Anerkennung von Jesus Christus als alleiniger Autorität für die Kirche sowie die Lehre, dass der Mensch „allein aus Gnade“ – und nicht aufgrund eigenen Handelns – errettet wird.