Auf „oben“ warten lohnt nicht mehr

Kirche und Gesellschaft brauchen Engagement. Impulse „von unten“ stimmen zuversichtlich.
Götzis. (VN-tm) Zum Ende eines jeden Jahres gestattet sich die Caritas in Vorarlberg erhellende Blicke über den Tellerrand hinaus. Jenseits des Alltags im Dienst von Arbeitslosen, Wohnungssuchenden und Flüchtlingen setzen heuer ein Theologe, eine Soziologin, ein Wirtschaftswissenschaftler und ein Psychiater die Begriffe „Leidenschaft“ und „Verantwortung“ in aktuellen Kontext.
Unverständlichkeiten
Der Regensburger Dogmatiker Wolfgang Beinert (79) wird in der katholischen Kirche nicht so recht fündig. „Eigentlich wäre es ja Aufgabe der Kirche als Gemeinschaft, dass es Leute gibt, die sich begeistern und das Evangelium weitertragen.“ Ansteckend, leidenschaftlich. Aber Beinert begegnet einem Glauben, der „so viel komplizierter geworden“ ist. „Fragen Sie einen Moslem nach seinem Glauben; er wird Ihnen in fünf Sätzen antworten.“ Fragt Beinert aber einen Katholiken, „dann drückt er mir höchstens den 400 Seiten starken Katechismus in die Hand, der mit der Alltagssprache nicht mehr erfassbar ist“. Der christliche Gott „ist ein einfacher Gott“. Auch die Botschaft sollte verständlich sein. Die Kirche aber ist in Beinerts Augen „einem Egotrip verfallen. Sie beschäftigt sich großteils mit sich selber.“ Seit 30, 40 Jahren erstarre sie in Unbeweglichkeit. Das Ergebnis gleiche dem Stau auf der Autobahn. Deshalb resignierten viele. „Der Kult hat Konjunktur, die Kirche nicht.“
Politiker sollen selber denken
Dabei schlittern wir durch krisenhafte Zeiten. „Als ich ein junger Mensch war, saßen noch keine Bettler am Straßenrand.“ Der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Stephan Schulmeister (65) würde sich „wünschen, dass sich das wieder ändert“. Aber wie? Auch der Ökonom kritisiert die zunehmend „vernebelnd“ unverständliche Sprache, mit der sich ein marodes Wirtschaftssystem hinter Abkürzungen verschanzt. Er vermisst die großen, weitsichtigen Denker: „Die Mainstreamökonomen sehen doch nur die Märkte.“ Den Politikern empfiehlt Schulmeister, „wieder selber zu denken“. Er fügt aber an, dass ein diesbezügliches Talent gegenwärtig nicht in Sicht sei.
Vielleicht kommt es ja ganz woanders her. Mag sein, dass bürgerschaftliches Engagement den Weg zu spektakulären Veränderungen weist. Der Duisburger Psychiater und Mediziner Klaus Dörner (79) jedenfalls klingt höchst zuversichtlich. Nach seiner Pensionierung hat er die Bürgerbewegungen Deutschlands zu seinem zweiten Beruf gemacht. „Ich bin unentwegt auf Achse.“ Was er sieht, gefällt ihm: „Seit 150 Jahren beginnen die Bürger wieder, sich mehr für fremde Andere zu interessieren.“ In der frühen Industriegesellschaft hatte das keinen Platz. Begonnen habe es wieder mit alten und dementen Menschen, „denn jeder wird alt“. Heute komme das reichlich abgenutzte Wort der „Nachbarschaft“ erneut in Mode. Und Dörner scheut sich nicht, von einer neuen Epoche zu sprechen, in die wir eintreten.
Selbst in den Beziehungsmodellen ist diese neue Zeit unumkehrbar. „Wir können nicht zurück“, hält die in Norwegen lehrende Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim (66) jenen entgegen, die angesichts all der Veränderungen jammern, früher sei alles besser gewesen. „Das stimmt auch nicht.“ Weder bedeuteten die heutigen Familienmodelle pure Freiheit, noch die alten nur Unterdrückung in Reinkultur. Auch auf Beziehungsebene gelte es, die Chancen der Postmoderne zu nützen; leidenschaftlich und verantwortungsvoll. ##Thomas Matt##