Ethik ist weit mehr als ein Gefühlsreflex

Vorarlberg / 06.02.2013 • 20:51 Uhr
Hille Haker: Ethik bedeutet auch, die Grenzen des Handelns richtig einschätzen zu lernen. Foto: Haker
Hille Haker: Ethik bedeutet auch, die Grenzen des Handelns richtig einschätzen zu lernen. Foto: Haker

Ethische Fragen ­führen dem Menschen vor ­Augen, dass er nicht allein ist auf der Welt.

Schwarzach. Ethik stellt heute drängend die eine Frage: Kann mein Leben glücklich sein, ohne dass es den Anspruch der nachfolgenden Generation auf Glück zunichte macht? Die Bioethikerin und Moraltheologin Hille Haker zeigt Wege auf. Sie unterrichtet seit 2003 an der Harvard University nahe Boston.

Die Ethik sucht nach Antworten auf die Frage, wie der Mensch handeln soll. Die einfachste Formulierung traf Immanuel Kant: „Was soll ich tun?“ Wie geht man diese Frage an?

Haker: Sie stellt sich ja nie so abstrakt, sondern in konkreten Handlungssituationen. Heute würden wir Aristoteles und Kant verbinden wollen: Wie kann mein Leben glücken, ohne dass mein Leben den Anspruch anderer, auch der zukünftigen Generationen, auf Glück gefährdet? Das gibt einen Hinweis darauf, dass wir in Fragen der Moral nie ganz isoliert Entscheidungen treffen, sondern zusammen mit anderen oder wenigstens mit Blick auf sie. Wir mögen diese „Einbeziehung des Anderen“, wie Habermas das einmal ausgedrückt hat, vielleicht nicht immer, und in unserem Verhalten wehren wir uns gegen die moralischen Fragen auch häufig, indem wir sie verdrängen – aber als Handelnde stehen wir nun einmal grundsätzlich in der Verantwortung für unser Handeln, für unser Leben.

Was dient dem Menschen als Richtschnur? Religionen bieten sich an. Die Aufklärung hält Antworten parat. Gibt es allgemeingültige ethische Normen, die sich über alle Grenzen hinweg als richtig erwiesen haben?

Haker: Zumindest gibt es einige sehr allgemeine Grundsätze, die kaum jemand bestreiten würde. Heute sprechen wir etwa vom Respekt vor anderen Menschen, der sich in Rechten und Pflichten ausdrückt, aber auch von einer viel weiter reichenden Verantwortung für die Bewahrung der Lebensgrundlagen. Die religiöse Fassung dieses Satzes bedeutet eigentlich nur, dass mir diese Verantwortung als Teil meiner Identität bewusst ist – und ich die Grenzen meines Handelns anerkenne. Ich glaube nicht, dass es auf dieser sehr allgemeinen Ebene allzuviel Streit gibt – der beginnt erst bei der Interpretation von Handlungssituationen, von politisch-ethischen Rahmenbedingungen, und auch bei der Frage, wer eigentlich der Träger dieser Verantwortung ist. Wir leben heute nicht mehr in einer überschaubaren Welt, in der die Handlungskonstellationen und Handlungssubjekte immer leicht auszumachen sind. Die komplexen sozialen Strukturen, die Automatisierung von Handlungsabläufen – denken Sie nur an die Finanztransaktionen – erschweren den Blick nicht nur auf dasjenige, das geboten scheint, sondern eben auch auf diejenigen, die Rechenschaft ablegen müssen. Dies ist das besondere Kennzeichen der modernen Realität.

Die Ethik begründet allgemeine Prinzipien guten Handelns. Der Mensch aber muss diese Prinzipien auf jeden einzelnen Fall hin anwenden können, sonst taugen sie nichts. Wie schult er seine Urteilskraft?

Haker: In der Tat möchte die Ethik dabei helfen, Handlungsoptionen zu bewerten, indem sie sie in den Horizont des „Wollens“, des „Könnens“ und des „Sollens“ stellt. Ethik ist sicher nicht einfach eine Übung im logischen Denken, aber Urteilskraft ist auch nicht identisch mit emotionalen Reflexen oder Intuitionen. Trotzdem sind diese beiden Seiten wichtig: Intuitionen oder auch moralische Gefühle wie Empörung, Scham oder Mitleid lenken unsere Aufmerksamkeit auf eine moralische Problematik des eigenen oder sozialen Handelns, und die logische Prüfung von Argumenten ist notwendig, damit wir uns nicht in heillose Widersprüche verwickeln. Die Ethik kann aber nie nur auf ihren eigenen Füßen stehen: Sie braucht die empirischen Natur- und Sozialwissenschaften genauso wie die Geisteswissenschaften, um Handlungssituationen zu verstehen und erklären zu können. Und sie braucht die Rechtswissenschaften, um den normativen Rahmen abzustecken, innerhalb dessen Praktiken normiert werden sollen. Die einzelne Handelnde wird natürlich nicht zur Universalwissenschaftlerin, wenn sie nur wissen will, ob ihr Handeln den „Ethik-Test“ besteht, also das eigene Wollen, Können und Sollen angemessen abbildet – vielmehr kommt diese Frage nur auf, wenn eingespielte Handlungsabläufe gestört werden: Wenn ich empört über den produzierten Müll der Konsumgesellschaft bin, werde ich fragen, wie ich in meinem Alltag zu genau diesem Kreislauf beitrage, anstatt Müll zu vermeiden. Aber es ist auch wichtig zu sehen, dass ich irgendwann an meine Grenzen kommen werde, und dann werde ich auch die strukturellen Ursachen sehen. Ethisches Urteilen besteht unter anderem auch darin, die Möglichkeiten und die Grenzen des Handelns einschätzen zu lernen. Beim Müll mag dies relativ einfach zu entscheiden sein, auch wenn es einer gewaltigen Anstrengung bedurfte, die gesellschaftliche Umstrukturierung der Müllbeseitigung zu organisieren. Andere Beispiele sind auch theoretisch nicht so leicht zu beantworten – darum wird über sie dann auch sehr heftig gestritten.

Ethisch leben, das schmeckt zunächst nach Verzicht: Keine großen Autos, keine Flugreisen, keine günstigen Lebensmittel, keine Kleidungsstücke fragwürdiger Herkunft. Das rührt an Statussymbole und lieb gewordene Gewohnheiten. Wie kann man Menschen zum Umdenken bewegen?

Haker: Indem man nicht nur von der Sollensforderung spricht, sondern vielmehr nach Wegen sucht, wie Veränderungen in das eigene Wollen und Können integriert werden können. Niemand spricht heute mehr davon, dass Mülltrennung notwendig ist. Bei der Ernährung sind ebenfalls Umstellungen möglich, ohne dass sie gleich auf ein „Entweder-oder“ hinauslaufen. Aber es gibt eben auch Grenzen. Ein Beispiel: Ich fliege sehr viel, und ich weiß nicht, wie ich gleichzeitig darauf verzichten und nach Vorarlberg kommen kann. Ich kann versuchen, mehrere Verpflichtungen zu kombinieren, so weit wie möglich Zug zu fahren usw. Aber unser moralisches Handeln besteht gerade darin: Kompromisse zu machen, ohne den Anspruch des als richtig erkannten Handelns aus dem Blick zu verlieren.

Der Mensch verfolgt in letzter Konsequenz ein Ziel: Er sucht sein Glück. Kann er das finden, wenn die Verwirklichung seines Glücks anderen Schaden zufügt?

Haker: Die Tradition der Ethik, und unser Alltagswissen sagt: Ja. Wäre es anders, bräuchten wir die Sollens-ethik gar nicht. Die Frage ist nur, ob wir damit auch dem entsprechen, was wir eben auch sein können – und letztlich sein wollen: moralische Wesen, die gegenüber dem Glück anderer nicht gleichgültig sind.

Ethik steht gegenwärtig in der Diskussion hoch im Kurs, Begriffe wie „Moral“ oder „Sitte“ klingen hingegen entsetzlich altmodisch. Dabei reden wir doch immer vom selben. In wieweit ist Ethik dem Zeitgeist unterworfen?

Haker: Für mich sind das eher Wortspiele. Ethik ist immer dem Zeitgeist unterworfen, weil sie nicht unabhängig von unseren sozialen Normen (und Normalitäten, egal wie schlecht sie sind) existiert. Für mich ist wichtig zu erkennen: Wir können gar nicht anders als moralisch oder ethisch zu handeln. Die Frage ist nur, wie wir ethisch richtig handeln, ohne weder unseren eigenen Glücksanspruch noch den Anspruch anderer auf ihr Glück zu leugnen. Gegenüber Adorno, der bekanntlich sagt, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, sage ich als Ethikerin: Es geht nicht um das richtige Leben, sondern um eines, das richtiger ist als das falsche.

Ethikforum 2013

Thema: Fair leben in Vorarlberg. Von der Freiheit, das Gute und Richtige zu tun.

Programm für 8. März 2013

» 9.00 Uhr: Begrüßung

» 9.15 Uhr: Vortrag Claudia Langer:
„Zwischen Utopie und Realität. Einblicke in das Dilemma zwischen idealistischer Hilfe zur ökosozialen Lebensgestaltung und dem empörten Appell an eine ganze Generation“

» 9.55 Uhr Murmelpause, Diskussion

» 10.10 Uhr Vortrag Univ.-Prof. Dr. Hille Haker: „Was macht mich ethisch? Der Wandel unserer Herzen und unseres Lebensstils im Spannungsfeld von moralischen Intuitionen, ethischen Appellen und Überforderung“

» 11 Uhr Murmelpause, Diskussion

» 11.10 Uhr Pause und Gelegenheit zum Besuch des „Marktplatzes der Initiativen“

» 12 Uhr Lerncafés:
1. Zukunft ohne Hunger, Caritas
2. Gemeinwohl-Ökonomie: Geht das überhaupt?
3. Biofairer Konsum: Utopie oder bald Mainstream?
4. Vision Ökoland Vorarlberg
5. Talente – Mobil!
6. Solidarische Energie aus Vorarlberg

» 13.45 Resümee im Foyer

» 14 Uhr Buffet und Ausklang

» 15 Uhr Ende der Tagung

Moderation: Thomas Matt

Anmeldung: ab sofort bei Frau Margot Metzler, margot.metzler@kath-kirche-vorarlberg.at, Tel. 05522/3485-209 an. Der Unkostenbeitrag beträgt inklusive Pausen und Mittagessen 35 Euro. Für Anmeldungen bis zum 8. Februar 2013: 30 Euro. Schüler(innen) zahlen 5 Euro.

Anmeldeschluss: Montag, der
4. März 2013

Gratis An- und Abreise für alle Teilnehmer(innen) mit dem Verkehrsverbund

Zur Person

Hille Haker

ist Fachfrau für Medizin- und Bioethik und Mitglied der Ethikberatergruppe (EGE) der Europäischen Kommission.

Geboren: 1962

Ausbildung: Theologie, Germanistik und Philosophie in Tübingen

Laufbahn: Heisenberg-Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Moraltheologin in Frankfurt und an der Harvard University, Cambridge