Die Zeit der Denkverbote ist vorbei

Am 30. Juni wird er geweiht. Benno Elbs will mit Amtsbrüdern auch über heiße Eisen reden.
Feldkirch. Ob Benno Elbs in der Bischofsvilla sein Büro aufschlägt, darf bezweifelt werden. Dass er gedanklich frischen Wind in die Bischofskonferenz trägt, ist ziemlich sicher. Auch in den „heißen Eisen“ seiner Zunft wie beim Zölibat.
Wie unterscheidet sich der Alltag des designierten Bischofs von dem des langgedienten Diözesanadministrators?
Elbs: Vor allem im Gefühlszustand. Viele Leute bringen ihre Freude zum Ausdruck. Sie sagen mir, dass sie für mich beten. Das macht mir Mut. Ich sage, so gut es geht, keine Termine ab (Er blättert im Kalender). Das heißt: Gestern war ich in Gwiggen, heute bin ich in Bludenz bei den Dominikanerinnen, am Wochenende sind Firmungen in Lustenau und in Schwarzach, Pfingstmesse im Dom . . .
Ein Bischof braucht ein Wappen und einen Wahlspruch.
Elbs: Das Wappen wird von einer Vorarlberger Heraldikerin entworfen. Im Kloster Gwiggen fertigen die Schwestern die Mitra für die Bischofsweihe an. Der Wahlspruch . . . Ich hab ein paar Gedanken, die mich sehr begleitet haben, aber mich noch nicht entschieden.
Gibt’s denn schon erste Personalentscheidungen? Wer wird denn Generalvikar?
Elbs: Für mich ist es wichtig, dass ich die zwölf Konsultoren und die Leitenden der Diözese in den nächsten Tagen einbeziehe. Der Generalvikar wird sowieso erst nach der Weihe bekannt gegeben.
Werden Sie eigentlich in die Villa am Hirschgraben umziehen?
Elbs: Nein, das hab ich gestern entschieden. Ich bleibe in der Fidelisstraße wohnen. Auch, ob ich mein Büro drüben haben werde, ist noch offen. Ich möchte mit meinem Team zusammen sein und im Übrigen genauso einfach leben wie der Durchschnitt in Vorarlberg. Könnte mir auch gut vorstellen, im Bischofshaus ein soziales Projekt unterzubringen. Mal sehen.
Haben Sie eine Haushälterin?
Elbs: Bisher noch nicht. Ich ess ja immer in der Kantine. Aber ideal wäre es schon, wenn man mal Gäste empfängt . . . Muss ich noch nachdenken.
Vorarlberg zählt 247.000 Katholiken, aber nur der Hälfte ist laut VN-Umfrage Religion wichtig, 23 Prozent praktizieren ihre Religion wöchentlich in Gebet, Ritualen oder Gottesdienst. Übernehmen sie ein Missionsgebiet?
Elbs: In gewissem Sinne ja. Vom Prinzip her ist jeder Mensch ein Suchender. Insofern ist jeder Mensch einschließlich mir als Bischof ein Missionsprojekt. In dem Sinn nämlich, dass man immer neu und in einer guten Art die Beziehung zu Christus findet. Umfragen zeigen deutlich, dass es verschiedene emotionale Nähe und Distanz zu Gott und zum Glauben gibt. Wie zur Zeit Jesu: Da gab es den Zwölferkreis, die 70, denen Jesus erschienen ist, den Zöllner Zachäus, der die Sache aus Distanz beobachtet hat. Das gibt es alles heute auch. Aufgabe der Kirche ist es, den Menschen zu helfen, ihre Beziehung zu Jesus zu finden.
Nach Angaben des Vatikans verschiebt sich der Schwerpunkt der Katholischen Kirche immer mehr Richtung Amerika, Afrika und Asien. Dort wachsen die Zahlen der Priester und Gläubigen, in Europa schwinden sie. Zum Vergleich: 41 Prozent der 1,2 Milliarden Katholiken leben in Lateinamerika, 24 Prozent in Europa.
Elbs: Für mich signalisieren diese Zahlen zunächst Optimismus. Es gibt Orte auf der Welt, wo der Glaube wächst und lebendig ist. Die Frage ist: Was sind die Schätze der Kirche in Lateinamerika und Afrika, die für uns wieder lebendig gemacht werden können? Da gibt der Papst ein großartiges Vorbild. Er implantiert die Schätze der lateinamerikanischen Kirche mitten nach Europa: Die Einfachheit der Sprache, die Nähe zum Menschen, auch der Mut aus einer verfolgten Christenheit. Das ist eine große Chance für Europa.
Wir haben uns bei den Vorarlbergern umgehört, was die Katholische Kirche ändern müsste. Der Zölibat stört die Menschen am meisten. Können Sie das verstehen?
Elbs: Diese Frage wird auch innerkirchlich stark diskutiert. Für mich ist wichtig, dass die Kirche die Kultur des offenen Wortes pflegt. Es ist wichtig, dass man darüber spricht. Und dass diese Themen in Gemeinschaft mit dem neuen Papst diskutiert und entschieden werden. Wenn man sich das Vorkonklave anschaut, da war schon so viel Bewegung drinnen, dass sich da in nächster Zeit einiges tun wird. Die letzten zwei, drei Monate in der Kirchengeschichte haben uns gelehrt, dass viele Dinge, die man für undenkbar hielt, auf einmal Realität geworden sind. Denken Sie nur an den Rücktritt des Papstes, die Art, wie Franziskus das Amt wahrnimmt.
Wie stehen Sie zur verpflichtenden Ehelosigkeit der Priester und Ordensleute? Sollte die Verpflichtung aufgehoben werden?
Elbs: Es gibt bereits in der Kirche verheiratete Priester, z. B. jene, die aus der anglikanischen und evangelischen Kirche in die katholische übergetreten sind. Ja, ich habe zu diesem Thema eine persönliche Meinung, die möchte ich aber zuerst mit der Bischofskonferenz und auch mit dem Papst bei der ersten Gelegenheit besprechen.
Was spricht eigentlich gegen Frauen in priesterlicher Funktion am Altar?
Elbs: Das theologische Argument, das in der Diskussion zum Tragen kommt, ist, dass Jesus in den Jüngerkreis nur Männer gewählt hat.
Das ist aber ein fragiles Argument, wenn man bedenkt, welche entscheidenden Rollen Frauen im Neuen Testament spielen.
Elbs: Frauen haben in der heiligen Schrift wirklich eine außerordentliche Bedeutung. Sie tragen die Kirche in wesentlichen Fragen mit. Sie verkünden den Auferstandenen. Heute sind sie ganz wesentlich Trägerinnen der Weitergabe des Glaubens. Die religiöse Erziehung in der Familie wird vielerorts stark von der Mutter getragen. In den Pfarrgemeinden engagieren sich viele Frauen – von den Tischmüttern der Erstkommunionrunden bis hin zu den Pastoralassistentinnen.
Gilt also das Diskussionsverbot noch, das Johannes Paul II. in dieser Frage verhängt hat?
Elbs: Das Wichtige ist – ich bleibe dabei – die Kultur des offenen Wortes. Letztendlich ist es so, dass man über alle Themen diskutieren muss.
Papst Franziskus legt einen klaren Schwerpunkt auf die sozial Benachteiligten, Sie selber wollen denselben Weg gehen „hin zu den Armen“. Was heißt das nun konkret?
Elbs: Unsere Aufgabe als Kirche ist es, den Menschen in existenziellen Situationen wie Geburt, Hochzeit oder Tod zu sagen: Gott ist mit dir. Wer sind die Armen? Bei uns in Vorarlberg sind das Menschen, die einsam sind, mit Handicap, psychisch Kranke, Arbeitssuchende, Asylanten. Wir als Kirche müssen bei ihnen sein, ihnen helfen, menschliche Zuwendung und Respekt zeigen und mit ihnen den Weg gehen. Man muss sich heute fragen: Wo wäre Jesus präsent? Er hat zwar gesagt: Arme werdet ihr immer unter euch haben. Aber er war ganz entschieden an ihrer Seite.