„Wir ringen jetzt mit der Wahrheit“

Vorarlberg / 27.10.2013 • 19:46 Uhr
Diskutierten intensiv: (v. l.) Dr. Hans Concin, Dr. Gebhard Lingg, Manfred Brunner (GKK) und Simone Bösch (Krebshilfe). Foto: VN/Paulitsch
Diskutierten intensiv: (v. l.) Dr. Hans Concin, Dr. Gebhard Lingg, Manfred Brunner (GKK) und Simone Bösch (Krebshilfe). Foto: VN/Paulitsch

Das geplante neue Brustkrebs-Vorsorgeprogramm findet nicht nur Zustimmung.

Schwarzach. Die Einführung eines einheitlichen Mammografie-Screenings zur Brustkrebsfrüherkennung liegt derzeit auf Eis. Dass es kommt, ist so gut wie fix. Doch der
Nutzen ist nicht unumstritten. Die VN luden deshalb Experten zu einer Diskussionsrunde ein.

Eine Frage, die momentan Experten wie Frauen bewegt: Was spricht für ein Mammografie-Screening und was dagegen?

Lingg: Für mich ist aufgrund der aktuellen Datenlage klar, dass die Vorsorge-Mammografie mehr schadet als nützt. Laut dem angesehen Cochrane-Institut ist die Reduktion der Brustkrebssterblichkeit minimal. So müssen 2000 Frauen 10 Jahre lang alle zwei Jahre untersucht werden, damit eine Frau weniger an Brustkrebs stirbt. Gleichzeitig werden 10 gesunde Frauen, die nie ein Anzeichen von Brustkrebs entwickelt hätten, durch das Screening unnötigerweise zu Brustkrebs-Patientinnen und deshalb behandelt. Die Medizin arbeitet zu sehr mit der Angst, und Angst ist nie ein guter Ratgeber. Außerdem halte ich es für einen Wahnsinn, so viel Geld für etwas auszugeben, das nichts bringt.

Concin: Ich finde es gut, dass Dr. Lingg diese Diskussion angeregt hat. Wir müssen das positive Image, das die Mammografie aus der Vergangenheit hat, kritisch hinterfragen. Es gibt viele Publikationen, die für die Mammografie sprechen, und es gibt eben auch viele, die den bis dato gültigen Nutzen infrage stellen. Für mich ist das noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Wir ringen jetzt mit der Wahrheit. Wir müssen diese Diskussion im Sinne der Ehrlichkeit und vor allem der Frauen führen.

Brunner: Die Meinung des Cochrane-Instituts wird völlig überbewertet. Denn es gibt Massen von Studien zu diesem Thema. In Österreich haben Bund, Länder und Ärzteschaft verschiedenste Arbeiten zusammengeführt mit dem Ergebnis, dass sich das neue Brustkrebs-Screening sehr wohl rechnet. Ich bin hier relativ unverdächtig. Es gibt wohl kaum eine Sozialversicherung, die sich um Kosten reißt. Wir lassen die Nachteile nicht außer Acht, aber die Vorteile überwiegen ganz klar. Wichtig ist, mit dem Programm die richtige Zielgruppe zu erreichen. Laut Berechnungen werden jährlich rund 100 Frauen weniger an Brustkrebs sterben. Das ist nicht meine Privatmeinung, sondern die einer breit angelegten wissenschaftlichen Diskussion.

Bösch: Für uns zählt, dass die Frauen in unserem medizinischen System eigenverantwortlich und selbstbestimmt handeln können, dürfen und sollen. Die Krebshilfe versteht sich als unabhängige und wertfreie Anlauf- und Beratungsstelle. Wir versuchen zu vernetzen und gehen den Weg mit Betroffenen oder möglicherweise Betroffenen Hand in Hand.

Concin: Meinungsunterschiede in der Medizin sind absolut nichts Neues. Hätten wir vor 14 Jahren begonnen, als die erste Anfrage für ein neues Mammo-Screening kam, gäbe es jetzt Zahlen. So brauchen wir noch ein paar Jahre, um Klarheit zu bekommen. Der Vorteil des neuen Screenings ist, dass jetzt qualitätsgesichert untersucht wird, dass wir Daten erhalten und Auswertungen durchführen können.

Lingg: Das ist das Pferd von der falschen Seite aufgezäumt. Wenn ich 100.000 Personen brauche, um zu sagen, ob eine Maßnahme etwas bringt, ist der Nutzen gering. Im Übrigen hat sich die Brustkrebsbehandlung derart verbessert, dass die meisten Patientinnen aufgrund der besseren Therapie überleben und nicht wegen des Screenings.

Concin: Da gebe ich Ihnen recht, Mammografie kann keinen einzigen Krebs verhindern. Wir sind in Österreich aber zu einer wissenschaftlichen Medizin verpflichtet. Und Wissenschaft ist stetig im Fluss und nicht frei von Ideologie. Man soll aber in jedem Fall ein bisschen kritischer sein als bisher, nicht nur das Gute sehen, sondern auch die andere Seite.

Das Cochrane-Institut stellt allerdings auch den Nutzen der bis jetzt immer propagierten Selbstuntersuchung der Brust infrage.

Concin: Es gibt tatsächlich zwei Studien, die besagen, dass die Selbstbeobachtung nichts bringt. Andererseits werden viele Tumore, die mammografisch stumm sind, von den Frauen getastet. An der Selbstuntersuchung würde ich deshalb nicht rütteln.

Bösch: Eigenverantwortung und Selbstbestimmung sehen wir als oberstes Prinzip. Beobachtung sollte in einem guten Ausmaß stattfinden. Es ist wichtig, darüber zu diskutieren. Leider kommt oft noch „Dr. Google“ ins Spiel. In unseren Beratungsstellen haben wir dann das Problem, dass Frauen überinformiert sind und aus Studien alles Mögliche herauszitieren. Das macht es schwierig, ihnen die Angst zu nehmen.

Setzt ein solches Angebot die Frauen nicht auch unter Druck?

Lingg: Der Druck vonseiten der Ärzte auf die Frauen, die Vorsorge-Mammografie machen zu lassen, ist enorm. Sie werden jedoch meist unzureichend und einseitig informiert. Wenn Frauen die Wahlfreiheit hätten, würden sich nicht alle für ein Screening entscheiden.

Concin: Die lässt man ihnen. Es ist nicht Intention des Programms, dass Kollegen den Frauen Druck machen. Es handelt sich ganz klar um eine Einladung.

Lingg: So, wie die Frauen das erleben, ist es keine Freiwilligkeit.

Brunner: Wir wollen die Frauen selbst entscheiden und die Vor- und Nachteile abwägen lassen. Wenn die Frauen künftig flächendeckend und nach einheitlichen Standards informiert werden, ist das ein großer Vorteil.

Bösch: Das Um und Auf ist eine objektive und vor allem individuelle Information. Eine wertfreie scheint offenbar schwierig umsetzbar zu sein.

Jährlich werden rund 100 Frauen weniger an Brustkrebs sterben.

manfred brunner

Wir haben oft das Problem, dass Frauen über­informiert sind.

simone bösch