Süß mit bitterem Beigeschmack

Diabetes ist trotz vieler „Leuchtfeuer der Hoffnung“ weiter im Vormarsch.
Schwarzach. Heute Abend wird, wie viele andere Gebäude auf der ganzen Welt, auch das Festspielhaus in Bregenz in blauem Licht erstrahlen. Ein „Leuchtfeuer der Hoffnung“ soll es am Welt-Diabetes-Tag sein und an die steigende Zahl von Menschen mit Diabetes erinnern. Allein in Vorarlberg gibt es rund 24.000 Betroffene. Die meisten leiden am Typ-2-Diabetes, also jener Form, die vorrangig einem ungesunden Lebensstil geschuldet ist. Daneben belastet Diabetes laut einer aktuellen Studie auch die Angehörigen, weil diese oft nicht wissen, wie sie helfen können.
Diabetesregister geplant
Diabetes mellitus hat sich zu einer Volkskrankheit entwickelt. Und sie tritt längst nicht mehr nur bei älteren Menschen auf. Immer häufiger diagnostizieren Ärzte auch bei Jugendlichen einen Typ-2-Diabetes. Bei Kindern nimmt der Typ-1-Diabetes zu. Eine Ursache vermuten Fachleute in der rückläufigen Stillbereitschaft. Stillen wird bekanntlich mit einem Diabetesschutz in Verbindung gebracht. „Es könnten aber auch die Viren, die Typ-1-Diabtes auslösen, mehr geworden sein“, sagt der Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖGD), Primar Dr. Heinz Drexel. Dabei handle es sich bislang jedoch nur um Spekulationen. Ähnlich verhält es sich mit der immer wieder genannten hohen Dunkelziffer bei Diabetes. „Es gibt sicher nicht erfasste Menschen mit Diabetes, aber uns fehlen konkrete Daten“, so der Diabetesspezialist.
Um künftig genauere Aussagen treffen zu können, plant der Leiter der Internen Abteilung im LKH Feldkirch den Aufbau eines Diabetesregisters. Zuerst soll es ein solches für Vorarlberg, dann eines für ganz Österreich geben. Das vermehrte Auftreten wiederum führt er auch auf ein „Naturgesetz“ zurück: „Eine gut behandelte Krankheit wird immer häufiger vorkommen. Und Diabetes lässt sich heutzutage gut behandeln.“
Bei aller Dramatik stellt sich die Situation im Westen aber deutlich besser dar. „Es gibt ein klares Ost-West-Gefälle beim Diabetes“, bestätigt Drexel. Die Leute würden früher auf Anzeichen, zu denen unter anderem ein unerklärlich starkes Durstgefühl zählt, reagieren. Zudem verzeichnen die Vorsorgeuntersuchungen hier einen stärkeren Zulauf als in anderen Bundesländern. Auch die Begleitung von Menschen mit Diabetes ist intensiviert worden. So bieten die aks gesundheit und die Landeskrankenhäuser Bregenz und Feldkirch regelmäßig Diabetikerschulungen an.
Komplikationen vermeiden
Dazu haben die sozialen Krankenversicherungen 2009 das Projekt „Therapie Aktiv – Diabetes im Griff“ ins Leben gerufen. Derzeit sind laut Gebietskrankenkasse 1300 Frauen und Männer mit Typ-2-Diabetes bei diesem Gesundheitsprogramm eingeschrieben. Es vereint Patientenschulung mit regelmäßigen Kontrollen beim Arzt. Ziel ist eine verbesserte Lebensqualität bzw. das Vermeiden von Folgeerkrankungen. Denn die Süße hat einen bitteren Beigeschmack. Zu viel Zucker im Blut kann etwa Netzhauterkrankungen, Nerven- und Nierenerkrankungen sowie Herzinfarkte und Schlaganfälle auslösen. Viele Betroffene berichten auch von einem negativen Einfluss auf ihr emotionales Wohlbefinden oder leiden an einer krankheitsbedingten Depression.
Rechtzeitig vorbeugen
„Natürlich wäre es besser, rechtzeitig vorzubeugen“, sagt Primar Heinz Drexel. Immerhin mehr als die Hälfte der Diabeteserkrankungen ließen sich durch gesunde Ernährung und regelmäßige sportliche Aktivitäten verhindern.
„Wenn der Diabetes einmal ausgebrochen ist, bringen Lebensstiländerungen nicht mehr so viel, wie das vorher der Fall ist“, so Drexel. Grund: Menschen mit Diabetes haben weniger Muskeln und tun sich deshalb schwer mit Bewegung.
Auch eine Frage der Gene
Ob die Zuckerkrankheit manifest wird, ist übrigens nicht allein eine Frage des Lebensstils. Die Genetik spielt ebenfalls eine Rolle. Gesellen sich zum genetischen Risiko allerdings noch Bewegungsarmut und Übergewicht, sieht es schlecht aus. Drexel empfiehlt als zusätzliche Prävention deshalb die regelmäßige Blutzuckermessung ab 40, bei familiärer Häufung sollte sie schon früher durchgeführt werden.
Der Welt-Diabetes-Tag wird seit 1991 am 14. November, dem Geburtstag von Sir Frederick Banting, begangen. Er hat gemeinsam mit Charles Best 1922 das lebenswichtige Insulin entdeckt. Diabetes Typ 2 ist übrigens neben Aids die zweite Krankheit, die von den Vereinten Nationen einen eigenen UN-Tag zugestanden bekam.
Über die Hälfte der Diabetesfälle ließen sich durch Ernährung und Bewegung verhindern.
heinz drexel
Fakten
» In Europa leiden 55 Millionen an der Stoffwechselkrankheit, 21,2 Millionen Menschen haben Diabetes, ohne es zu wissen. Die Verbreitungsrate beträgt hier 6,7 Prozent
» Mehr als 371 Millionen Menschen sind weltweit von Diabetes betroffen.
» China steht mit 92,3 Millionen auf dem ersten Platz der Top-10-Länder mit den meisten Diabetikern, gefolgt von Indien mit 63 Millionen sowie den USA mit 24,1 Millionen.
» 50 Prozent der Menschen, die an Diabetes sterben, sind unter 60 Jahre alt.
» 2012 starben 4,8 Millionen Menschen an Diabetes, 471 Milliarden US-Dollar wurden aufgrund von Diabetes ausgegeben.
Stichwort
Diabetesformen
» Typ-1-Diabetes wird durch den absoluten Mangel am Hormon Insulin verursacht. Meistens beginnt die Erkrankung schon im Kindes- und Jugendalter. Diabetes mellitus Typ 1 ist derzeit noch nicht heilbar, lässt sich aber gut mit Insulin behandeln. Allerdings müssen die Typ-1-Diabetiker in Kauf nehmen, dass sie sich lebenslang Insulin spritzen müssen.
» Der Diabetes mellitus Typ 2 beginnt meist schleichend und wird oft spät erkannt. Als wichtigster Risikofaktor für die Entstehung findet sich neben einer genetischen Veranlagung das Übergewicht, vor allem in seiner bauchbetonten Form. Dieses geht zumeist mit hohem Blutdruck (Hypertonie) und erhöhten Blutfettwerten einher. Diese Ansammlung von Risikofaktoren wird als Metabolisches Syndrom bezeichnet.