Bis man träumen kann auf Deutsch

Wie sieht Flucht heute aus? Ökumenische Gespräche boten hier Angekommenen Raum.
Bregenz. Über die Themen Flucht und Vertreibung alte Bücher durchstöbern, das ist das eine. Aber wenn Arezoo ans Mikrofon tritt, wirken all die Geschichten wie weggeblasen. Der evangelische Gemeindesaal in Bregenz kann an diesem Abend die Besucher kaum fassen. Heute erhält die Flucht ein Gesicht. Im Augenblick sind es die Züge dieser jungen Frau aus dem Iran. Sie steht da vorn. Bebt am ganzen Körper. Arezoo lacht und weint. Beides gleichzeitig. „Ich bin so fröhlich“, sagt sie. Schwer stolpern ihr die deutschen Worte über die Lippen. Aber als ein schweigsamer Mann aus der ersten Reihe aufsteht und sie in die Arme nimmt, ist die Geschichte erzählt. Es ist ihr Mann. Vor einem Jahr war sie alleine geflohen. In Bregenz gestrandet. Und heute, heute ist ihr Mann angekommen. Ausgerechnet heute, an ihrem Geburtstag. Sie lacht mit ihm, sie weint um ihre Freunde. So also sieht das Gesicht der Flucht aus, im November 2013.
„Mit Händen und Füßen“
Die ökumenischen Gespräche kreisten heuer um die Themen Vertreibung, Flucht und Neuanfang. Biblische Beispiele wurden erzählt, das Schicksalsjahr 1938 stand einen Abend im Mittelpunkt. Zuletzt hatten Flüchtlinge und Betreuer das Wort.
Betreuer wie Claudia Moser von der Caritas. Sie leitet die Wohngemeinschaft für unbegleitete Minderjährige in Feldkirch. „Mit Händen und Füßen“ habe sie sich anfangs verständigt. Und nachfragen müssen: „Wie spricht man deinen Namen aus?“ Heute hat sie Zaker Soltani mitgebracht, den 17-jährigen Gymnasiasten und Maler, der in der Alten Seifenfabrik in Lauterach gegenwärtig seine Bilder ausstellt.
Oder Katharina Troy. Sie ist mit Nazrat gekommen. Katharina Troy, könnte man sagen, sammelt gestrandete Kinder. Als die VN im Jänner 2013 Mentoren für die Buben in Feldkirch suchten, hat sie sich gemeldet. Und Nasrat entdeckt. Der junge Afghane wohnt heute bei Familie Troy. Er ist 16 Jahre alt und trainiert bei den Ringern in Klaus. Seine Freundin knufft ihn in die Rippen. Ein lässiger junger Mann staht da, dem das Lachen nur aus den Augen weicht, wenn Worte wie Afghanistan oder Abschiebung fallen. Julia Ha hört gebannt zu. Sie hat einen zweifachen Zugang zum Thema. Als Einjährige kam sie in den Armen ihrer Eltern aus Vietnam nach Vorarlberg – „Boatpeople“. Sie kamen im Februar 1979 an. „Meine Eltern dachten tatsächlich, sie hätten sich für Australien entschieden.“ Der Irrtum provozierte eine veritable Ehekrise. Julia wuchs in Lochau auf. „Meine Mutter hat die Turnhalle in der Schule Marienberg geputzt. Da durfte ich mit den Ringen spielen. Das ist meine früheste Erinnerung an Vorarlberg.“ Später fragten Mitschüler sie, ob sie mit ihrer platten Nase wohl besser riechen könne. Dr. Julia Ha hat ihren Weg gemacht. Ihre Doktorarbeit hat sie in Vietnam über das Leben von Frauen auf dem Land geschrieben. Heute leitet sie die Abteilung für Integration und Gesundheit der Caritas St. Gallen.
Auch Paul Solomon ist nach 20 Jahren längst hier angekommen. Was tut der Bregenzer Dekan unter lauter Flüchtlingen? 1993 war er noch Priester in Rumänien. Ein Mitbruder hatte sich entschieden, auf Wunsch des Bischofs nach Vorarlberg zu gehen. Drei Tage vor seiner Abreise kriegte er kalte Füße. Paul Solomon sprang ein. Ohne ein Wort Deutsch. Einfach ins kalte Wasser. Er trug damals einen Zettel des Bischofs in der Tasche: „Darauf stand, dass ich jederzeit zurückkehren könne.“ Er hat ihn nicht gebraucht. Aber den Prozess der Integration fasst er in die Worte: „Es dauert seine Zeit, bis du träumen kannt auf Deutsch.“
Die Kinder fragten, ob ich mit dieser Nase besser riechen kann.
Julia Ha


