Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Anleitung für Szene-Eltern

Vorarlberg / 27.07.2014 • 18:12 Uhr

Dies ist ein kleiner Leitfaden für all jene Eltern, deren Kinder die ersten Karten fürs Szene-Openair erbettelt haben und die jetzt in den Regen hinausschauen und allmählich ahnen, dass dies doch keine so gute Idee gewesen sein könnte. Nein, das ist nicht rückgängig zu machen. Kinder müssen erwachsen werden. Schlammschlachten gehören, wenn auch in überschaubarem Ausmaß, dazu.

Aber dies sollten Sie berücksichtigen: Wenn Sie Ihrem Sprössling Ausrüstungsgegenstände wie Zelt, Schlafsack und Wärmflasche versprochen haben, und Ihnen die Dinge kostbar sind, nehmen Sie Abschied. Sie werden das Zeug nie wieder sehen. Falls doch, werden Sie es nicht mehr erkennen. Auch Ihr Herzpinkerl wird einen erstaunlichen Alterungsprozess durchlaufen. Die Kontaktnahme nach drei Tagen besteht dann aus einer einzigen Frage, die Mütterherzen höher schlagen lässt: „Holscht mi ab?“ Aber Vorsicht, ehe Sie freudestrahlend lospreschen.

Kleiden Sie zuerst das Innere Ihres Wagens zur Gänze mit Alufolie aus, doppelt und dreifach. Führen Sie ein Kübelchen mit und ein paar Handtücher, die Sie tunlichst dem Altkleidersack entnehmen, der schon für den Container hergerichtet war. Und wenn Sie dann wieder zu Hause sind und der Gartenschlauch und die harte Bürste für die Bergschuhe das Schlimmste beseitigt haben, wenn Ihr geliebtes Kind ohnmächtig ins Federbett sank, nachdem es noch zwei Leberkässemmel gerissen hat, dann würden Sie gerne die pädagogische Lehre aus diesem Abenteuer ziehen. In Form einer Ansprache etwa. Aber tun Sie das nicht. Achten Sie auf den großen Zeh, der aus dem Bett ragt: Wie er zuckt, noch immer im Beat der vergangenen drei Tage. Warten Sie, bis das vorüber ist und Ihr Liebstes mit rotunterlaufenen Augen nach zwei Aspirin verlangt. Dann können Sie loslegen.

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