Auszeit: Burnout ist eine Lehrerkrankheit

Vorarlberg / 16.11.2014 • 19:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Lehrer über 55 Jahre haben ein erhebliches Burnout-Risiko. Lehrervertreter fordern die Möglichkeit auf eine Auszeit.
Lehrer über 55 Jahre haben ein erhebliches Burnout-Risiko. Lehrervertreter fordern die Möglichkeit auf eine Auszeit.

Lehrervertreter schlagen Alarm und fordern Unterstützungsmaßnahmen.

Bregenz. Kurt Maier* sah letztlich keine andere Chance. Er musste zuerst sich selbst und dann der Außenwelt eingestehen: „Ich kann nicht mehr.“ Eine erschöpfungsbedingte Depression zwang den damaligen Schulleiter in die Knie. „Es kam eines nach dem anderen. Es begann mit einem Frust über nicht erreichte berufliche Ziele. Es setzte sich fort mit dem immer stärker werdenden Ungleichgewicht zwischen steigenden Anforderungen und nicht vorhandener Wertschätzung. Hinzu kam ein zunehmendes Gefühl von Ohnmacht: Du kannst nichts regeln, weil dir die Umsetzungsmöglichkeiten fehlen.“ Er habe immer mehr Energie gebraucht, seine Alltagsaufgaben zu erledigen – einhergehend mit einer steigenden Lustlosigkeit. „Abnützungsprozess nennt sich das. Ich bekam Schlafstörungen, wurde antriebslos, wollte nur noch ausruhen, nicht mehr weggehen von zu Hause. Als dann noch eine dienstliche Demütigung dazu kam, zog Maier die Handbremse. „Ich outete mich, trat von meiner Leiterposition zurück.“ Maier ließ sich professionell behandeln, bekam auch Medikamente. Er wechselte die Stelle, wurde wieder ein ganz gewöhnlicher Lehrer an einer anderen Schule

Aufgeheizte Nerven

Schlimmer erwischte es Georg Marte*. Der 60-jährige Mittelschullehrer war jahrelang als Daniel Düsentrieb unterwegs: Englisch-Seminare, Musikworkshops, Vollgas im Unterricht, zu Hause stets am Werken und Bauen. Später dann musste er auch seine gebrechlichen Eltern pflegen. In der Schule baute sich das eine oder andere Problem auf. „Dann konnte ich nicht mehr schlafen, das vegetative Nervensystem schlug aus. Natürlich gab es immer wieder Phasen, wo’s wieder ging. Aber insgesamt wurde es immer schlechter.“ Die Nerven, sagt Marte, hätten sich so „aufgeheizt“, dass er eines Nachts mit rasendem Puls im Bett lag und spürte: „Den bringe ich nicht mehr runter.“ Es gesellten sich Depressionen hinzu. „Ich hatte schlimme Gedanken, konnte keine Entscheidungen mehr treffen.“ Als dann eine schwere Nervenentzündung den Körper völlig ins Ungleichgewicht brachte, war’s soweit. „Ich ging in Behandlung, musste Medikamente nehmen.“ Marte konnte nicht mehr arbeiten – ein halbes Jahr lang.

Das Risiko nimmt zu

„Lehrer über 55 haben ein erhebliches Burnout-Risiko. Mit diesem Problem sehen wir uns immer stärker konfrontiert“, berichtet Lehrervertreter Armin Rossbacher (59). Die Gründe liegen für ihn klar auf der Hand. „Die Gesellschaft hat sich verändert. Lehrer müssen immer mehr Sozialarbeiter, Familienberater, Psychologen und Wissensvermittler in einer Person sein. Das kann auf Dauer so nicht funktionieren.“

Die Folgen dieser Überforderung seien Stress, Frustration und schließlich Burnout. Gemeinsam mit Lehrergewerkschafter Gerhard Unterkofler (55) fordert Rossbacher vehement zusätzliches Supportpersonal wie Sozialarbeiter, Schulpsychologen und Beratungslehrer.

Sabbatical gefordert

Nicht nur das. Rossbacher kritisiert zudem, dass Lehrern momentan so gut wie keine Auszeit mehr bewilligt wird. „Die Begründung der Schulabteilung ist immer wieder der Lehrermangel. Doch wenn uns solche gesundheitlich belasteten Lehrpersonen für immer ausfallen, ist niemandem gedient“, argumentiert der Lehrervertreter. „Wir fordern“, sagt Gewerkschafter Unterkofler, „zumindest die Bewilligung von Sabbaticals für Lehrer über 55 Jahre. Ein Sabbatical ist ein angespartes Freijahr, das sich Lehrer in vier Jahren durch den Erhalt von nur 75 Prozent ihres Lohnes quasi erkaufen. „Für den Staat fallen dadurch keine Mehrkosten an“, argumentiert der Gewerkschafter.

* Namen von der Redaktion geändert

Besser eine Auszeit, als dass Lehrer für immer ausfallen.

Lehrervertreter Armin Rossbacher
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