Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Einer geht noch

Vorarlberg / 16.12.2014 • 21:38 Uhr

Sie müssen einer Bruderschaft mit missionarischem Eifer und flächendeckendem Beziehungsnetzwerk angehören, denn man trifft sie überall, auf Hochzeiten, Geburtstagsfesten, Firmenfeiern. Auch wenn sie den ganzen Abend über unsichtbar geblieben sind, tauchen sie just in dem Augenblick auf, in dem man Hut und Mantel nimmt. Allen guten Vorsätzen von wegen Einkaufsbummel mit der Frau oder „Wissen Sie, der Samstag gehört immer der Familie“ halten sie ihr vernichtendes Credo entgegen: Einer geht noch.

Ein entwaffnender Satz von berückender Einfachheit: keine Frage, eine Feststellung. Manchmal mit der Nüchternheit eines Chemikers vorgetragen, der das Fassungsvermögen eines bauchigen Glaskolbens prüfen will: Noch zwei Zentiliter, und noch zwei Zentiliter … und jedenfalls dieser eine noch, denn der geht bestimmt.

Man sollte solche Menschen meiden. Verlassen Sie die Orte ihrer Lustbarkeiten tunlichst durch den Hinterausgang. Denn, was, wenn die Brüder irren? Was, wenn der eine eben nicht mehr geht? So was soll schon vorgekommen sein. Nur bei Quecksilber wölbt sich die Flüssigkeitsoberfläche nach oben; im Chemieunterricht kam das vor. Aber, mal ehrlich: Wer denkt schon an Chemie, vierte Klasse, wenn sich ein verräterisch freundliches Gesicht vor den Ausgang schiebt und mit den harmlosen Worten „Einer geht noch“ ein Gläschen mit kristallklarer Flüssigkeit verabreicht wird?

thomas@matt.vol.at