„Wäre für einen Eltern-Kind-Pass“

10.11.2015 • 18:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Markus Hengstschläger referiert heute in Bregenz. Foto: Hofmeister
Markus Hengstschläger referiert heute in Bregenz. Foto: Hofmeister

Genetiker und Bildungsinsider Hengstschläger tritt bei WK-Bildungsforum auf.

Bregenz. Er hat sich als Gegner der Durchschnittlichkeit geoutet und glaubt an besondere Talente in jedem Menschen: Professor Markus Hengstschläger, Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien, fordert Chancengleichheit in Österreich für Kinder in der Entwicklung ihrer individuellen Fähigkeiten.

Entdecken und fördern Schulen in Österreich nicht die individuellen Talente?

Hengstschläger: Die Schulen tun das bis zu einem gewissen Grad. Das Unterdrücken von Talenten ist ein gesellschaftliches Problem. Es liegt im Trend, sich mit Durchschnittlichem zufriedenzugeben. Man trifft sich in der Mitte, das reicht. Dort gibt es aber nur eine geringe Chance auf die Entwicklung von Talent und Individualität. Für die Zukunft brauchen wir Menschen, die vom Weg abgehen, um neue Wege zu beschreiten. Wobei es Talente in allen Lebensbereichen gibt. So kann ein Pfleger auf seinem Gebiet ein größeres Talent sein als ein Sportler in seinem Bereich. Auch vom standardisierten Elitebegriff müssen wir wegkommen. Jeder Mensch ist in in seinem ureigensten Bereich Elite.

Wie nahe sind Sie am Thema Bildung und Schule dran?

Hengstschläger: Nun, ich habe zwei Kinder im Alter von 19 und 16 Jahren, ich bin selber seit 25 Jahren im tertiären Bildungssystem tätig und im Hochschulrat an der Pädagogischen Hoschule in Wien. Natürlich gibt es auch den Bezug zur Bildung durch mein Fach, die Genetik.

Sind die genetischen Voraussetzungen nicht entscheidend für überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit?

Hengstschläger: Natürlich spielen genetische Voraussetzungen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Leistungsfähigkeit, aber genauso tut dies das Umfeld. Es gibt eine Wechselwirkung zwischen Genetik und Üben. Für sich allein ist eines zu wenig.

Präferieren Sie ein bestimmtes Schulsystem, etwa die gemeinsame Schule oder ein differenziertes System?

Hengstschläger: Mein Thema ist nicht die Kritik am Schulsystem, mir geht es nicht um PISA oder andere Schlagworte. Mir geht es darum, Menschen die größtmöglichen Chancen zu bieten, etwas umzusetzen. Wie wir wissen, spielt die Vererbung bei der Bildung in Österreich immer noch eine große Rolle.

Das heißt sie wollen …

Hengstschläger: … ganz sicher eine Ganztagsschulform. Denn das eröffnet Kindern unabhängig von ihrem Bildungshintergrund gleiche Chancen. Ich glaube, dass man über die gemeinsame Schule derzeit noch zu wenig weiß.

Was für andere Vorschläge für Chancengleichheit hätten Sie denn noch?

Hengstschläger: Ich wäre dafür, nach dem Muster des Mutter-Kind-Passes, einen Eltern-Kind-Pass einzuführen. Das heißt, Kinder werden vor dem Eintritt in die Schule einem Test nach verschiedensten Gesichtspunkten unterzogen. Die Ergebnisse könnten dann eine Bringschuld entweder der Eltern oder des Staates zutage fördern. Ich bin aber überzeugt, dass bei 90 Prozent der Getesteten alles in Ordnung wäre. 

Sie unterstützen das Bild des unangepassten Schülers. Hat diese Unangepasstheit auch Grenzen?

Hengstschläger: Natürlich, und zwar genau dort, wo andere dadurch beeinträchtigt werden. 

Zur Person

Prof. Dr. Markus Hengstschläger

Hengstschläger ist Professor für Medizinische Genetik an der Med-Uni in Wien. Bekannt wurde er durch sein Buch „Die Durchschnittsfalle. Gene – Talente – Chancen“. Hengstschläger ist 48 Jahre alt und Vater zweier Kinder.

Das Vorarlberger Bildungsforum findet heute zwischen 14 und 19 Uhr im Bregenzer Festspielhaus statt.