Kern des Glaubens in einer Woche

Vorarlberg / 18.03.2016 • 18:10 Uhr
Rund um den Erdball wird das Geschehen der Karwoche theatralisch dargestellt. Foto: APA
Rund um den Erdball wird das Geschehen der Karwoche theatralisch dargestellt. Foto: APA

Wenn Juden Pessach und Christen Ostern feiern, dann feiern sie Befreiung.

Schwarzach. In den acht Tagen zwischen Palmsonntag und Ostersonntag erleben die knapp 2,3 Milliarden Christen rund um den Erdball den Kern ihres Glaubens in einer ungeheuren Verdichtung. Die Kirche bietet eine beispiellose Achterbahn der Gefühle: Jubel zum Einzug Jesu in Jerusalem, Verzweiflung angesichts seiner Kreuzigung, ungläubiges Staunen am Ostersonntag: Das Grab ist leer. Der Tote lebt.

Im Judentum sind dies die Tage der großen Erzählung. Seit Tausenden Jahren wird sie in den Familien weitergegeben. Ein rituelles Rollenspiel, gesungen und gelesen, zeugt davon: Gott hat uns herausgeführt aus dem Sklavenhaus, aus Ägypten.

Und die Christen? Ihnen erzählt das Neue Testament jedes Jahr zu Frühlingsbeginn die Geschichte voller wachsender Spannung, die sich im gewaltsamen Tod des Jesus von Nazareth explosiv entlädt, um sich nach einem Tag lähmenden Entsetzens ins krasse Gegenteil zu verwandeln. Aus Tod wird Leben. Ewiges Leben.

Zu keiner Zeit des Jahres werden in den heiligen Schriften so kräftige und verstörende Bilder komponiert wie in der Karwoche. Und doch hat das Weihnachtsfest mit dem Christkind, pausbäckigen Engeln in den Dachsparren, Ochs und Esel dem Osterfest den Rang abgelaufen. Weihnachten ist lieblich, Ostern ist sperrig.

Alljährliche Umfragen belegen es: Die Menschen mögen das Kind in der Krippe, aber den Mensch gewordenen Gott, der sich willfährig ermorden lässt und nach drei Tagen wieder lebendig wird, den würde der moderne Mensch zumindest als „krass“ bezeichnen.

Das älteste Fest

Ostern ist das älteste Fest der Christenheit. Seit dem zweiten Jahrhundert existieren eindeutige Zeugnisse. Die christliche Feier hat sich aus dem jüdischen Passafest entwickelt. Passa – oder hebräisch „Pessach“ – ist eines der wichtigsten Feste der Juden. Gefeiert wird die Freilassung des Volkes Israel aus der ägyptischen Sklaverei. Damit schließt Gott seinen endgültigen Bund mit den Israeliten.

Pessach dauert acht Tage. In dieser Zeit trug sich vor fast 2000 Jahren Jesu Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung zu. So wandelten die ersten Christen das jüdische Fest allmählich in ihr Osterfest um. Aber beide Religionen sind viel zu stark ineinander verwoben, als dass nicht unzählige Parallelen bestehen blieben.

Pessach und Ostern sind Familienfeste. Christliche Kinder suchen Ostereier, jüdische beim sogenannten Sedermahl den „Afikoman“, ein Stück ungesäuertes Brot, das irgendwo im Haus versteckt liegt, und erhalten ein Geschenk dafür.

„Ich kaufe euch frei“

An Pessach werden vier Becher süßen Weins getrunken. Sie erinnern an die vier Worte, mit denen Gott dem Mose die Erlösung Israels aus der Sklaverei ankündigt: „Ich werde euch herausführen … und errette euch … und kaufe euch frei … und habe euch mir zum Volk genommen.“ (Ex 6,6f) Für gläubige Christen wiederum bedeutet das Opfer des Gottessohns den Beginn eines neuen, unverbrüchlichen Bundes zwischen Gott und den Menschen.

Pessach heißt übersetzt „Vorübergehen“. In der Pessach-Erzählung geht der Engel des Herrn von Haus zu Haus, um die Erstgeborenen der Ägypter zu erschlagen. Die Hebräer aber haben mit dem Blut eines Lammes ihre Türpfosten bestrichen, damit sie verschont bleiben (Ex 12,1-28). Der Apostel Paulus, der den Gedanken des Christentums in alle Welt trägt, nennt Christus sinngemäß „unser Paschalamm“. Gott selbst teilt das menschliche Schicksal bis in den Tod, um es grandios in der Auferstehung für alle Zeiten aufzubrechen.

In den alten Tagen wurde der Auferstehungsfeier streng entgegengefastet. In der Osternacht selbst aber war auch unter frühen Christen der Hausvater verpflichtet, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.

Was in der Karwoche geschieht

Palmsonntag: Nach dem übereinstimmenden Bericht aller vier Evangelien zieht Jesus feierlich in Jerusalem ein. Er reitet auf einem jungen Esel in die Stadt. Das Volk begrüßt ihn wie einen König. (Markus 11,1-11)

Montag: Jesus vertreibt die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel. Er provoziert die Priester. Aber noch fürchten sie seine Beliebtheit beim Volk. (Markus 11,15-19)

Dienstag: Jesus lehrt im Tempel. Er stellt sich den Fragen der Schriftgelehrten, weicht geschickt aus und entwirft in gewaltigen Bildern noch einmal seine Lehre und das bevorstehende Ende. (Markus 12-13)

Mittwoch: Salbung in Betanien, Jesus sagt seinen Tod voraus. (Markus 14,3-9). Judas kommt mit den führenden Priestern überein, Jesus zu verraten. (Markus 14,10-11)

Donnerstag (Gründonnerstag): Das letzte Abendmahl mit den zwölf Aposteln im Obergeschoß eines Hauses in Jerusalem. Danach nimmt Jesus die Jünger mit in den Garten Getsemani, um zu beten. Jesus wird verhaftet, nachdem Judas ihn mit einem Kuss verraten hat. (Matthäus 26,17-56)

Karfreitag: Jesus wird vor die führenden Priester gebracht (Matthäus 26,57-68), danach vor den Hohen Rat, das oberste Gericht der Juden. Anschließend wird er Pontius Pilatus vorgeführt, der ihn zu Herodes zu einem Verhör schickt. (Lukas 23,1-12) Pilatus fällt schließlich das Todesurteil. Jesus wird nach Golgota gebracht und gekreuzigt. (Markus 15,21-41) Nach seinem Tod wird der Leichnam vom Kreuz abgenommen und im Grab des Josef von Arimathäa, eines reichen Juden, beigesetzt. (Markus 15,42-47)

Ostersonntag: Jüngerinnen von Jesus, die den Leichnam salben wollen, finden sein Grab leer vor und erfahren als Erste von der Auferstehung. (vgl. Lukas 24,1-12) Die Jünger, denen sie von ihrem Erlebnis berichten, schenken ihnen keinen Glauben. Doch dann begegnen zwei von ihnen auf dem Weg zum nahe gelegenen Emmaus selbst dem auferstandenen Herrn. (Lukas 24,13-35) In den folgenden Tagen begegnen auch die anderen Jünger dem Auferstandenen.