„Wenn ihr euren Bruder erkennt“

Der Gründonnerstag erzählt viel über Jesu Vermächtnis und auch über die Zeit.
Schwarzach. Wann endet ein Tag eigentlich und wann fängt der nächste an? Kinderleicht perlt das Wort „Mitternacht“ über die Lippen. Um null Uhr bricht der nächste Tag an. So ist das heute. Aber im Judentum und im frühen Christentum hatte die Mitternacht gar keine Bedeutung. Der Tag begann vielmehr bei Sonnenuntergang. Das hatte mit dem Buch Mose zu tun. Dort heißt es am Ende jedes Schöpfungstages: „Und Gott sah, das es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der nächste Tag.“
So wird der Gründonnerstag am Ende des 7. Jahrhunderts zwar zum kirchlichen Feiertag erhoben. Er leitet auch die drei heiligen Tage ein, an denen des Leidens Jesu Christi gedacht wird. Und doch ist er in seiner ureigenen Bedeutung nur der Türöffner zum Karfreitag. Denn die Passion Jesu Christi vollendet sich, mit dem Abendmahl beginnend, im Verlauf eines einzigen Tages. Am Freitagabend, also zu Beginn des jüdischen Sabat, ist alles vorüber. So lautet der Bericht der Evangelisten über Abschied, Gebet, Verrat, Verurteilung, Kreuzigung und Grablegung. Was wir heute dem Gründonnerstag zurechnen, haben die Juden und ersten Christen dem beginnenden Karfreitag zugeordnet. Und das geschieht in diesen schicksalhaften Stunden:
Jerusalem, 24. März, 30 n. Chr.
22 Uhr: Der Aufbruch zum Ölberg. Ein Zimmer im Obergeschoß eines Hauses, irgendwo in der Stadt. Jesus und seine Jünger beenden das gemeinsame Abendmahl. Es wird als „Letztes Abendmahl“ in die Geschichte des Christentums eingehen. Die kleine Gruppe bricht zu ihrem Nachtquartier auf. Die Stimmung unter den Aposteln ist gedrückt, denn ihr Meister hat Andeutungen über sein bevorstehendes Ende gemacht. Einer fehlt: Judas Iskariot. In den Tagen vor dem Paschafest, dem höchsten jüdischen Fest des Jahres, drängen tagsüber Abertausende Menschen durch die Stadt. Doch jetzt sind die Gassen leer. Die kleine Gruppe verlässt die Stadt und steigt hinab ins Kidrontal.
23 Uhr: In Getsemani. Ihr Ziel ist der Ölberg auf der anderen Seite des Tales. Am Fuße des Berges liegt der Garten Getsemani, ihr Nachtquartier. Unermüdlich hat Jesus in den letzten Tagen im Tempel gelehrt und diskutiert. Hier in der Stille von Getsemani möchte er ausruhen. Doch dieses Mal gelingt es nicht. Er weiß, dass ihn seine Gegner beseitigen wollen. Das Bewusstsein des drohenden Todes trifft Jesus mit voller Wucht. Noch könnte er fliehen. Doch er bleibt. Im Gebet hat er Klarheit gefunden. Er wird sich der Konfrontation stellen.
24 Uhr: Die Gefangennahme. Ein Kommando der Tempelpolizei und der hohenpriesterlichen Palastwache dringt in Getsemani ein. Unter ihnen: Judas Iskariot. Er hat den kleinen Trupp geführt. Die Jünger sind völlig überrascht. Gegen die Schwerter der Soldaten sind sie machtlos. Sie fliehen, so schnell sie können. Jesus wird gefesselt und abgeführt. Das alles geschieht ohne großes Aufsehen, schließlich lagern in der Umgebung Tausende Pilger unter freiem Himmel. Ein Aufruhr ist das Letzte, was die Soldaten und ihre Auftraggeber in Jerusalem brauchen können.
So in etwa erzählt die Bibel den Anfang vom Ende. Der Gründonnerstag ist die Ouvertüre, er ist das Tor zum Karfreitag. Heute noch läuten am Gründonnerstagabend die Glocken in den Kirchen zum letzten Mal. Dann verstummen sie bis zur Osternacht. Die Tabernakel in den Kirchen stehen offen und leer. In vielen Pfarrgemeinden haben sich Nachtwachen eingebürgert. Gläubige begleiten den Jesus von Nazareth in seinen schwierigsten Stunden in der Nacht am Ölberg. Der Todgeweihte, den die Angst fast übermannt, soll nicht allein sein.
In den Chassidischen Geschichten fragt ein Rabbi seine Schüler, wann der Tag beginnt. Sie rätseln. Und er gibt letztendlich selber die Antwort: „Der Tag beginnt dann, wenn ihr in das Gesicht eines Menschen blicken könnt und euren Bruder oder eure Schwester darin erkennt. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“
Woher der Name kommt
Wie der Gründonnerstag zu seinem Namen kam? Das weiß man nicht so genau. Die „Grünen“ hießen im Mittelalter jene öffentlichen Büßer, die nach der Fastenzeit als Sündenlose in die kirchliche Gemeinschaft zurückkehrten. Eine andere Herleitung kommt vom althochdeutschen „Greinen“ der Büßer, also vom Weinen und Wehklagen. Und außerdem ist Grün ganz einfach die Farbe der Hoffnung. Dann würde der Gründonnerstag freilich über den Karfreitag hinaus auf die Osternacht deuten, zur Auferstehung hin.