Wenn alle Hoffnung trügt

Der Tod des Jesus von Nazareth blieb für Christen nur schwer akzeptierbar.
Schwarzach. Es mutet eigentümlich an. Um die Geburt des Jesus von Nazareth ranken sich wundersame Erzählungen. Engel verkünden die Menschwerdung Gottes. Eine Jungfrau bringt ihn zur Welt. Drei Magier kommen aus dem Morgenland, um dem Neugeborenen zu huldigen. Ein Stern weist ihnen den Weg. Engel retten das Kind vor der Ermordung durch die Häscher des Herodes. Und als wären die wundersamen Erzählungen der Bibel nicht genug, fügt der Volksmund über die Jahrhunderte noch zahllose Geschichten hinzu.
Kein Zaubertrick
Der Karfreitag ist anders. Nüchtern. Still. Ganz anders als bei seiner Geburt geht es bei Jesu Tod um das urmenschliche Schicksal, um die Endlichkeit und Hinfälligkeit. Gleich vier Mal weist ihr Glaubensbekenntnis, das in der heutigen Form wahrscheinlich in Gallien im 5. Jahrhundert entstand, die Christen daraufhin: „… gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes …“ Fast so, als wollten die Verfasser das betonen: „Dies ist kein Zaubertrick. Er war tatsächlich Gott und Mensch zugleich und ist wirklich gestorben.“ Die Frage nach Christi Natur, die heute noch viele Menschen vor den Kopf stößt, hat in den ersten 500 Jahren nach den schicksalhaften Ereignissen in Jerusalem die Gläubigen wüst entzweit. Wer heute die Stiftsbibliothek von St. Gallen besucht und die prachtvolle Barockdecke bestaunt, sieht dort die ersten vier großen Kirchenversammlungen dargestellt, die allesamt versucht haben, den schwierigen Kern des Christentums zu entwirren. Wer ist dieser Christus? Gott und Mensch? Gleichzeitig? Geht denn das?
Schriften wurden verfasst und verbrannt. Menschen aus der Kirche ausgeschlossen und wieder aufgenommen. Kaiser stritten mit Bischöfen. Die Frage wurde zum Politikum. Bald ging es mehr um Macht als um Gottes Wort. Gewalt kam ins Spiel. Das alles nimmt sich irgendwie beschämend unwürdig aus gegenüber dem eigentlichen Geschehen.
Die große Enttäuschung
In allen christlichen Kirchen rund um den Erdball wird am Karfreitagnachmittag die Leidensgeschichte vorgelesen, wie sie der Evangelist Johannes überliefert hat. Auch Lukas, Markus und Matthäus räumen der Passion breiten Platz ein. Allen Texten haftet der Schrecken an, den Verurteilung und Kreuzigung des Predigers aus Galiläa wohl verursacht haben. Hatte er sich nicht klar als der Messias offenbart? Und wurde doch als ein von Gott Verlassener gekreuzigt? Das Wort Messias wird in seiner griechischen Übersetzung zu Christos, „der Gesalbte“. Es wurde für Könige verwendet.
Israels Propheten hatten lange schon einen Heilsbringer vorhergesagt. Keine vorübergehende Erscheinung schwebte ihnen vor. Sie erzählten von einem Retter, der die radikale Wende zum Frieden bringen würde. Wortreich hatte etwa Jesaja verkündet: „Jeder Stiefel, der mit Gedröhn einhergeht, und jeder durch Blut geschleifte Mantel wird verbrannt und vom Feuer verzehrt werden.“ Dieser künftige König würde ewig herrschen.
Als Jesus Christus am ersten Palmsonntag der Geschichte in Jerusalem einzieht, symbolträchtig auf einem Esel, da glauben den biblischen Berichten zufolge viele, endlich den Messias zu sehen. Er würde die römische Fremdherrschaft beenden. Er würde all die Ungerechtigkeiten ausgleichen. Alle diese Hoffnungen zerplatzen am Karfreitag.
Von seinen Anhängern weitgehend verlassen, wird Jesus von den Hohepriestern Hannas und Kajaphas den römischen Behörden von Jerusalem übergeben. Das Todesurteil fällt der römische Statthalter Pontius Pilatus. Zuvor aber präsentiert er Jesus ein letztes Mal dem Volk mit den Worten: „Ecce homo!“ – „Seht, welch ein Mensch!“ Der Rest sind Folter, Kreuzigung und Tod.
Schmucklos und still
Am Karfreitag beginnt der Gottesdienst in der Regel um 15 Uhr, zur überlieferten Todesstunde Jesu (Mt 27, 46; Mk 15, 34; Lk 23, 44). Priester und Ministranten ziehen still und ohne Orgelmusik in die Kirchen ein. Auch auf Weihrauch wird verzichtet. Die Priester tragen rote Gewänder. Rot steht als Zeichen für das vergossene Blut des Jesus von Nazareth. Die Altäre stehen schmucklos da, ohne Kerzen und Altartücher. Die Kreuze sind verhüllt, prachtvolle Flügelaltäre wurden zugeklappt und zeigen die einfacher gestaltete Rückseite der Flügel. Das Ewige Licht brennt nicht, und das Tabernakel ist leer.
Nichts, gar nichts, deutet auf die großen Auferstehungsfeiern hin, die schon in zwei Tagen Platz greifen werden. Dann nämlich, wenn sich das ultimative schändliche Ende wie durch ein Wunder in einen grandiosen Neuanfang verwandelt hat.