Zwischen Pflicht und Ehrenamt

Vorarlberg / 19.07.2016 • 18:10 Uhr
Seine Schallplattensammlung hütet Albert Lingg wie einen Schatz, enthält sie doch viele besondere Stücke.  Fotos: Dietmar Stiplovsek, Privat
Seine Schallplattensammlung hütet Albert Lingg wie einen Schatz, enthält sie doch viele besondere Stücke. Fotos: Dietmar Stiplovsek, Privat

Primar a.D. Albert Lingg erhält für Verdienste den Dr.-Toni-Russ-Preis und -Ring.

Lustenau. Er geht gerne im Ried spazieren. Meistens mit einem seiner kleinen Enkel. „Dabei kann ich so schön meinen Gedanken nachhängen“, erklärt Albert Lingg (66) lächelnd. Dort war er mit der Familie auch unterwegs, als ihn die Nachricht von der Zuerkennung des diesjährigen Dr.-Toni-Russ-Preises und –Ringes erreichte. Seine erste erstaunte Reaktion: „Aber nicht ich!“ Doch. Eine Jury, bestehend aus Mitgliedern der VN-Herausgeberfamilie, der VN-Redaktion sowie Russ-Preis-Trägern, hatte sich mit großer Mehrheit für den langjährigen Primar und Chefarzt des Landeskrankenhauses Rankweil ausgesprochen. Seine Verdienste für die Öffnung der Psychiatrie sowie sein insgesamt vielfältiges ehrenamtliches Engagement für benachteiligte Menschen rechtfertigen diese besondere Auszeichnung. Der Festakt zur Verleihung findet am 1. September traditionell auf der Werkstattbühne des Festspielhauses statt.

Dank für treue Begleiter

Irgendwie kann es Albert Lingg noch immer nicht so recht glauben, dass ausgerechnet er der 47. Russ-Preis-Träger werden soll. Zu selbstverständlich erscheint ihm das, was er während seiner ärztlichen Tätigkeit und da­rüber hinaus leistete. Dass er den Preis nach einem kurzen Moment der Überraschung doch angenommen hat, will er auch als Dank an jene verstanden wissen, die ihn über die Jahrzehnte unterstützt und in schwierigen Zeiten, die es ebenfalls gab, zu ihm gestanden sind. „Ich war nie allein in dem, was ich tat“, berichtet Albert Lingg dankbar von familiärem Rückhalt, großartigen Ausbildnern und sehr treuen Mitarbeitern in der damaligen Valduna. Die Bezeichnung ist ihm geblieben. Umtaufen, meint der Psychiater, reiche nicht. Die Sache selbst müsse geändert werden. Seinen Beitrag dazu hat Lingg in reichem Maße geleistet. Dabei plante der Sohn einer Bregenzerwälder Hoteliersfamilie nie eine berufliche Karriere.

Zwar las er schon im Gymnasium leidenschaftlich gerne Bücher von berühmten Ärzten. Doch nach der Matura schwankte Albert Lingg zwischen Journalismus, Atomphysik und Medizin. „Das Herz entschied sich schließlich für die Medizin“, erzählt er. Die Psychiatrie wurde es, weil er nahe an Menschen und gesellschaftlichen Prozessen sein wollte. Aber auch soziale Beweggründe spielten eine Rolle. Nach dem Studium arbeitete sich der Jungarzt im Krankenhaus Bregenz zwei Jahre durch die Allgemeinmedizin. Dann kam er über Kontakte von Gästen zu einer Ausbildungsstelle in einer psychiatrischen Klinik in der Schweiz. Nach zwei Jahren als Assistenzarzt stieg Albert Lingg dort zum Oberarzt auf. Doch sesshaft wurde er nicht. Es zog ihn nach Deutschland, wo er sich in einem Krankenhaus in Heidenheim der Neurologie widmete, um dann an die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Würzburg zu wechseln. Hier wäre dem Vorarlberger eine akademische Laufbahn sicher gewesen. Aber das Schicksal wollte es anders.

Ein Gespräch mit Folgen

Während eines Heimaturlaubs in Au wollte ein gewisser Reinhard Haller mit ihm reden. „Ich sollte mich um die Nachfolge von Kaspar Simma bewerben, der damals die Valduna leitete“, plaudert Albert Lingg aus dem Nähkästchen der Erinnerungen. Er tat es und bekam die Stelle. Gerade einmal 32 Jahre alt war Lingg, als er die Langzeitpsychiatrie mit 283 Plätzen übernahm. Im Nachhinein betrachtet sei es der helle Wahnsinn gewesen. Doch mit viel Idealismus und „tollen Mitarbeitern“, zu denen unter anderem Reinhard Haller zählte, ging der Jungspund ans Werk. Als besonderes Glück wertet Albert Lingg, im Landhaus eine aufgeschlossene Gesundheits- und Sozialabteilung vorzufinden. Denn die geschlossene Psychiatrie passte so gar nicht zum ethischen Verständnis des neuen Leiters.

Klinikbesuche statt Urlaub

Urlaube verbrachte Albert Lingg damit, sich in ausländischen Kliniken über andere Möglichkeiten der Unterbringung von psychisch kranken Menschen mit Behinderung zu informieren. Er schmiedete Pläne und fand Partner, wie etwa die Lebenshilfe. „Es war ein großer Deal, aber fachlich, menschlich und auf Dauer auch finanziell der günstigere Weg“, resümiert er. Gleichzeitig läutete Primar Peter König auf der Akutpsychiatrie neue Zeiten ein. „Trotz unterschiedlicher Ausrichtungen und auch Meinungen haben wir uns ideal ergänzt“, sagt Lingg. Als 1991 das Unterbringungsgesetz kam, laut dem psychisch kranke Menschen mit Behinderung nicht mehr auf Dauer in einer Psychiatrie untergebracht werden dürfen, hatte Vorarlberg seine Hausaufgaben schon gemacht.

Albert Lingg ist dem LKK Rankweil treu geblieben. 2014 ging er als längst dienender Chefarzt in Pension. Der Psychiatrie attestiert er große Fortschritte. „Leider fehlt es an Nachwuchs“, bedauert Lingg, der, müsste er sich heute entscheiden, die gleiche Wahl treffen würde.

Zur Person

Albert Lingg

Geboren: 1. Oktober 1949 in Au/Bregenzerwald

Wohnort: Lustenau

Familie: verheiratet, 5 Kinder, 7 Enkel

Laufbahn: Medizinstudium in Innsbruck und Wien, Ausbildungen in der Schweiz und Deutschland, von 1981 bis 2014 Leiter der Psychiatrie II und langjähriger Chefarzt im LKH Rankweil; Buchautor, medizinisch-wissenschaftlicher Leiter der Psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflegeschule Rankweil, ehrenamtliche Mitarbeit in verschiedenen Organisationen, seit Sommer 2014 in Pension