“Mittelschulen nicht zweite Wahl”

Wegen der Ziffernnoten in Volksschulen will Schöbi-Fink mit dem Minister reden.
Schwarzach Am kommenden Mittwoch wird Barbara Schöbi-Fink als neue Landesrätin für Bildung und Sport angelobt. Vorweg nimmt sie zu einigen Grundfragen ihrer künftigen Tätigkeit Stellung.
Haben Sie sich innerlich bereits auf Ihr neues Amt eingestellt?
Schöbi-Fink Noch bin ich ja Vizebürgermeisterin in Feldkirch und erst, wenn alles gut geht, ab Mittwoch in der Landesregierung. Viel Zeit zur Umstellung und um mich einzustellen hatte ich also bisher nicht, aber ich freue mich schon auf die neue Aufgabe.
Gibt es schon eine grobe Prioritätenliste jener Aufgaben, die Sie als vordringlich ansehen?
Schöbi-Fink Vordringlich ist für mich, dass ich das Vertrauen der Systempartner erlange, mit denen ich ab Mittwoch gemeinsam auf dem Weg sein werde, also vor allem den Direktorinnen und Direktoren und den Vertreterinnen und Vertretern der Schulbehörden.
In Vorarlberg gibt es nach wie vor überdurchschnittlich viele Risikoschüler und unterdurchschnittlich wenige Spitzenschüler. Worin sehen Sie die Gründe dafür?
Schöbi-Fink Eine zu einfache Antwort auf eine solch komplexe Frage kann leicht in die Irre bzw. zu Missverständnissen führen. Ich versuche es trotzdem: Die letzte Testung liegt zwei Jahre zurück, damals hat sich gezeigt, dass sehr viele Kinder, vor allem Buben mit Migrationshintergrund, zur Gruppe der Risikoschüler gehört haben. Ich erinnere mich, dass damals auch eine gewisse skeptische Haltung mancher Pädagogen gegenüber flächendeckenden Testungen zu registrieren war. Tatsache ist aber, dass in den letzten Jahren ein Bündel an Maßnahmen ergriffen wurde, um die Zahl der Risikoschüler zu senken. Dasselbe gilt für die Förderung unserer begabten Schüler. Ein Turnaround braucht trotz aller Anstrengungen Zeit.
Was an den Vorhaben des neuen Bildungsministers finden Sie gut, was weniger?
Schöbi-Fink Viele Vorhaben von Bildungsminister Faßmann halte ich für sehr vernünftig. Zum Beispiel die intensive Auseinandersetzung mit den Bildungsstandards, den Ausbau der ganztägigen Schulformen, das klare Bekenntnis zur Begabtenförderung oder die Stärkung der Lehre und der dualen Ausbildung. Ich freue mich auch darüber, dass die Sonderpädagogik vor allem in der Ausbildung wieder eine größere Rolle spielen wird. Die Forderung, dass Kinder vor Eintritt in die Regelschule die Unterrichtssprache beherrschen sollen, ist ebenfalls grundsätzlich vernünftig. Wichtig für mich ist dabei, dass auch bei intensiver Deutsch-Förderung in eigenen Gruppen das integrative Moment, also das gemeinsame Lernen der Kinder in vielen Fächern, nicht fehlt.
Sie haben gesagt: Eine Mittelschule kann so viel Qualität schaffen wie ein Gymnasium und wurden dafür kritisiert. Was antworten Sie den Kritikern?
Schöbi-Fink Sie geben mir Gelegenheit, ein Missverständnis auszuräumen. Natürlich kann eine Mittelschule gleich gut sein wie die Unterstufe eines Gymnasiums. Der Punkt ist aber, dass viele Eltern meinen, die Entscheidung zwischen Mittelschule und Unterstufe des Gymnasiums sei die maßgebliche Weichenstellung in der Bildungskarriere ihres Kindes. Sehr viele Mittelschulen in Vorarlberg sind äußerst engagiert und erfolgreich auf dem Weg, fördern und fordern ihre Schüler individuell und sind alles andere als die zweite Wahl.
Können Forschungsprojekt und Modellregion auf Grundlage der Regierungspläne überhaupt noch ein Thema sein?
Schöbi-Fink Wir haben im Landtag mit den Stimmen aller Parteien beschlossen, dass wir die Empfehlungen des Forschungsprojekts Schritt für Schritt umsetzen. Am Ende dieses Prozesses, bei dem die Experten von acht bis zehn Jahren ausgehen, schlagen diese eine gemeinsame Schule vor. Jetzt sind wir seit gut zwei Jahren auf diesem Weg. Wenn wir es schaffen, dass durch unsere Schullandschaft noch mehr als bisher ein Ruck geht, dass die Schulen, die bei den Themen Ganztagsschulen, innere Differenzierung, Talente fördern, schon sehr weit auf ihrem Weg sind, anderen Mut machen, auch Mut zur Veränderung, dann haben wir viel erreicht.
Viele Vorarlberger Volksschulen wehren sich gegen die Wiedereinführung von Ziffernnoten auch in den ersten beiden Klassen. Wie wollen Sie sich da gegenüber dem Bund positionieren?
Schöbi-Fink Wir haben in Vorarlberg viele Volksschulen, die seit mehreren Jahren erfolgreich mit einer alternativen, also verbalen Beurteilung in der Grundstufe eins arbeiten und viel Erfahrung damit haben. Mit diesem Wissen und den Ergebnissen aus unseren Schulen möchte ich, so ich dann Gelegenheit dazu haben werde, mit den zuständigen Bundesminister in einen intensiven Austausch treten.
Laut VN-Umfrage wünscht sich eine klare Mehrheit der Vorarlberger eine flächendeckende Modellregion mit einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Wie gehen Sie mit dieser Erkenntnis um?
Schöbi-Fink Das bedeutet für mich, dass wir uns auf einem guten Weg befinden. Das bedeutet aber auch, dass noch viel Arbeit in der Entwicklung und auch in der Überzeugung vor uns liegt.
Zur Person
Barbara Schöbi-Fink
Barbara Schöbi-Fink ist 57 Jahre alt und gebürtige Feldkircherin. Sie studierte Germanistik und Theologie Lehramt und promovierte später im Fach Germanistik. Sie war drei Jahre Lehrerin an der HLW Rankweil und von 1991 bis 1999 Journalistin beim ORF. Politisch ist sie seit 2000 Feldkircher Stadträtin, zuletzt in den Ressorts Kultur, Bildung, Musikschule und Integration. Seit 2004 ist sie ÖVP-Abgeordnete im Landtag. Schöbi-Fink ist verheiratet und hat drei Kinder.