Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Wenn ich zu schnell bin, sag es bitte

Vorarlberg / 22.04.2019 • 18:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Unlängst stolperte ich auf Facebook über ein Foto, das eine Freundin von mir gemacht hatte, an einem Tag im Wald, darunter hatte ein Freund geschrieben: Du Arme, hat sie dich auch im Laufschritt auf die Burgruine hinaufgejagt. Nein, hatte ich da gar nicht, an dem Tag sind wir nur gemütlich in den Wald spaziert und haben Bärlauch gesammelt.

Ich habe erst jetzt, am Ostersamstag, wieder jemanden auf die Ruine gejagt, einen Freund, und er wollte es so und war gewarnt. Ich habe es zweimal gesagt, zuerst in der Ebene, auf dem Weg, der den Fluss entlang führt, dann, als es aufwärts ging: Wenn ich dir zu schnell gehe, sag es bitte. Er hat gesagt, nein nein, alles super, und er hat nicht gejammert, auch nicht auf dem Steilstück vor der Burg, ich hab ihn hinter mir nur bisschen keuchen gehört. Wenn man dann noch die Holzstiege im Turm der Ruine schafft, wird man mit einer sagenhaften und sehr instagrammablen Aussicht belohnt. Ein schneller Spaziergang, zehn Kilometer, 400 Höhenmeter, in zwei Stunden waren wir wieder daheim und kühlten unsere Füße im Bach und unsere Kehlen mit dem bayrischen Bier, das der Freund mitgebracht hatte.

„Ich ging und wanderte erst wieder gern und freiwillig, als ich selber kleine Kinder hatte.“

Ich gehe viel und gern. Ich bin nicht immer gern gegangen. Ich erinnere mich an ein paar schöne Wanderungen, als wir Kinder waren, manchmal mit Freunden und Freundeskindern, meistens auf den Alpwegkopf, wo wir manchmal auch in der Hütte übernachteten. Es gab dort einen Flipperautomaten. Damals ging ich noch gern, dann nicht mehr so gern, wie das bei nicht so sportlichen Teenagern halt meistens so ist. Schließlich, im Oberstufengymnasium, wurde es mir von einem Lehrer, der die Schulwandertage dazu benutzte, seinen Zorn auf uns Schülerinnen und Schüler einmal im Jahr so richtig auszuleben, mit Monstermärschen in der Gluthitze endgültig verleidet: Von da an war Wandern für mich eine Qual und das Schlimmste.

Ich ging und wanderte erst wieder gern und freiwillig, als ich selber kleine Kinder hatte: Spaziergänge durch die Weinberge um Wien, leichte Wanderungen durch Waldviertler Wälder und über idyllische Bregenzerwälder Almen. Und obwohl ich sie, glaube ich, dabei nicht überfordert habe, wollten meine Teenager auch irgendwann nicht mehr gehen. Ließen und lassen sich höchsten hin und wieder zu einem kurzen Spaziergang den Fluss entlang überreden.

Ich verstehe das nicht, sagte ich irgendwann zu einer Tochter, das Wandern hat dir so gefallen, als du vier warst. Das Kind lächelte mich mitleidig an und sagte: Ja, es gefällt mir sicher wieder, sobald ich wieder vier bin; können wir jetzt nach Hause gehen?

Ich nehm sie besser nicht mit auf die Ruine, noch nicht.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.