Schicksal Einsamkeit: Eine Frau erzählt

Vorarlberg / 23.04.2019 • 13:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Schicksal Einsamkeit: Eine Frau erzählt
Traudi schämt sich, weil sie einsam ist: “Dabei kann ich nichts dafür.” DPA/Burgi

Traudi ist einsam. Sie hat keine Freunde. Einmal im Monat bekommt sie Besuch von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin der Caritas.

Schwarzach. Traudi (66) hatte sich ihr Leben im Alter anders vorgestellt. „Ich sah mich als Großmutter, umgeben von Enkeln.“ Aber es kam anders, als sie es sich gedacht hatte. Nach der Scheidung schlugen sich ihre Kinder auf die Seite des Vaters. Der Kontakt zu ihnen ist heute sehr lose. „Wir telefonieren bloß hin und wieder.“ Die zweifache Mutter fragt sich, was sie falsch gemacht hat. „Vielleicht hätte ich weniger arbeiten sollen.“

In die soziale Isolation geschlittert

Die 66-Jährige führte zusammen mit ihrem Mann einen Betrieb. Dass er immer gut lief, hatte auch mit ihr zu tun, mit ihrer Tüchtigkeit. „Ich habe meinen Beruf mit Leidenschaft ausgeübt.“ Später bremste sie aber eine Krankheit ein, denn bereits mit Anfang 20 diagnostizierten die Ärzte bei Traudi eine unheilbare neurologische Krankheit. Diese wurde ihr im Alltag immer wieder zum Erschwernis. Ständig ging es mit ihr gesundheitlich auf und ab.

In der Pension begann sich die geschiedene Frau für Menschen zu engagieren, die wie sie unheilbar krank sind. Diese Tätigkeit gab ihrem Leben Sinn und Inhalt. Als diese vor einigen Jahren wegbrach, schlitterte Traudi geradewegs in die soziale Isolation und in eine Krise. Aus dieser ist sie bis heute nicht herausgekommen. „Ich bin allein, die ganze Woche“, grämt sich Traudi, dass kein Mensch auf Besuch kommt. Die Invaliditätspensionistin fühlt sich wie in einem goldenen Käfig. „Meine Wohnung ist schön. Aber ich fühle mich eingesperrt, weil ich nicht oft raus komme.“ Sie kennt den Ausblick, der sich ihr vom Wohnzimmer aus bietet, bis ins kleinste Detail. „Wenn ich tagelang allein in der Wohnung sitze, schaue ich aus dem Fenster, stundenlang.“

“Zum Glück geht mir eine Hospizbegleiterin einkaufen. Sonst würde ich verhungern.”

Traudi

Traudi, die mittlerweile auf den Rollstuhl angewiesen ist, bedauert, dass sie keine Freundin und keine richtig guten Bekannten hat. „Als ich jung war, habe ich mich auf das Geschäft und die Familie konzentriert. Das war vielleicht ein Fehler.“ Heute bieten sich ihr nicht mehr viele Möglichkeiten, jemanden kennenzulernen. Durch ihre fortschreitende Krankheit ist ihr Aktionsradius klein geworden und sie immer öfter an die Wohnung gefesselt. „Ich kann nicht mehr Skifahren, Schwimmen oder Wandern.“ Selbst ein Spaziergang oder der Gang in den Supermarkt sind manchmal nicht möglich für sie. „Glücklicherweise geht mir dann eine Hospizbegleiterin einkaufen. Sonst würde ich verhungern.“

Die Hospizbegleiterin und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Pfarrcaritas kommen einmal im Monat auf Besuch. Dann kann Traudi endlich wieder einmal mit jemandem reden. Diese Besuche sind für die alleinstehende Frau Lichtblicke in ihrem grauen Alltag. „Ich bin so froh, wenn jemand kommt.“

Filme gaukeln heile Welt vor

Aber die Einsamkeit holt sie schnell wieder ein. Manchmal hält Traudi sie nicht aus. „Dann drehe ich mit dem Auto ein paar Runden. Oder ich fahre zum Supermarkt und halte mich eine Stunde im Geschäft auf.“ Sie sieht das ständige Alleinsein als Ursache dafür an, dass es in letzter Zeit gesundheitlich nur noch abwärts mit ihr geht. „Ich glaube, Einsamkeit macht krank.“ Es verdunkelt auch ihr Gemüt. „Manchmal bin ich so traurig, dass ich nicht einschlafen kann. Dann fahre ich mit dem Rollstuhl im Kreis herum.“ Oder sie schaltet das Radio oder den Fernseher ein, weil es ihr das trügerische Gefühl gibt, nicht ganz allein zu sein. Wenn sie Glück hat, läuft gerade ein Rosamunde-Pilcher-Film. Traudi mag Filme mit einem Happy End. Sie gaukeln ihr wenigstens für zwei Stunden vor, dass es die heile Welt gibt und im Leben immer alles gut ausgeht. Nach solchen Filmen keimt in ihr kurzfristig Hoffnung auf. Dann träumt die kranke Rentnerin davon, dass Menschen um sie herum sind und ihre Kinder sich um sie kümmern.