Thomas leidet seit einem traumatischen Ereignis an Epilepsie

Vorarlberg / 24.04.2019 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Die Krankheit machte Thomas (49) kontaktscheu und in seiner Jugend zum Außenseiter.

Nenzing Thomas (49) kann sich noch gut an die Schmerzen und die große Stichflamme erinnern, die ihm entgegenschlug, als er im Alter von vier Jahren einen Nagel in die Steckdose steckte. „Ich schrie wie von Sinnen.“ Das traumatische Ereignis hatte weitreichende Folgen für ihn. Der Nenzinger vermutet, dass er aufgrund des elektrischen Schlags, den er damals abbekam, zum Epileptiker wurde.

Thomas war als Kind häufig im Spital.
Thomas war als Kind häufig im Spital.

Jedenfalls litt der Bub fortan unter heftigen epileptischen Anfällen, sogenannten „Grand Mal-Anfällen“. Diese gingen mit Bewusstseinsverlust, Sturz und krampfenden Extremitäten einher. „Ich hatte die Anfälle immer morgens, nach dem Aufstehen. Sie dauerten zwei, drei Minuten lang. Ich bin umgefallen und habe mich verkrampft und das Bewusstsein für eine Stunde verloren. Deshalb bin ich manchmal zu spät in die Schule gekommen.“

Als Kind demütigten ihn die Anfälle

Die Anfälle, pro Monat waren es zwischen zwei und vier, flößten Thomas Angst ein, auch weil sie sein Leben total unvorhersehbar machten. „Ich wusste, dass es jeden Tag passieren kann.“ Es demütigte ihn, dass er ihnen nichts entgegenzusetzen hatte und ihnen ohnmächtig ausgeliefert war. Dass Menschen ihn in seiner Hilflosigkeit sahen, machte ihn wütend.

„Einmal hatte ich beim Mopedfahren einen Anfall. Ich fand mich auf der angrenzenden Wiese wieder.“

Thomas, Epilepsie-Kranker

Die Krankheit führte dazu, dass er sehr zurückhaltend und in der Pubertät zum Außenseiter wurde. Krankheitsbedingt durfte Thomas nicht rauchen und keinen Alkohol trinken. Seinen Kollegen verschwieg er den wahren Grund, weil er sich für seine Krankheit schämte. „Ich habe niemandem erzählt, dass ich an Epilepsie leide.“

Thomas (links) ging mit seinem Vater Karl und seinem Bruder Jürgen oft in die Berge wandern.
Thomas (links) ging mit seinem Vater Karl und seinem Bruder Jürgen oft in die Berge wandern.

Andererseits ließ er sich von seiner Erkrankung nicht einbremsen. „Ich tat alles, was ich tun wollte.“ Thomas fuhr Ski und ging mit seinem Vater und seinem Bruder Bergsteigen. Mit zwölf Jahren bestieg er den Piz Buin. „Auf dem Weg ins Montafon hatte ich im Auto einen Anfall.“ Trotzdem bezwang er Vorarlbergs höchsten Berg. Als halbstarker Jugendlicher war Thomas häufig mit dem Moped unterwegs. „Einmal hatte ich auf der Straße einen Anfall. Ich fand mich auf der angrenzenden Wiese wieder.“

Sein Bruder stürzte in den Tod

Trotz seines Handikaps gelang es ihm, die Lehre zum Einzelhandelskaufmann erfolgreich abzuschließen. Aber dann ereilte ihn ein Schicksalsschlag. Sein 18-jähriger Bruder verunglückte tödlich. „Jürgen rutschte aus und stürzte von einem Felsen in die Tiefe.“ Sein Tod traf Thomas tief. Denn: „Mein Bruder war mein großes Vorbild. Ich sah zu ihm auf, weil er all das hatte, was ich gerne gehabt hätte: eine Freundin, ein Motorrad und Kollegen, mit denen er Party machte.“ Thomas stürzte in eine Krise, körperlich wie seelisch. „Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Ich bekam öfters Anfälle und war ständig im Krankenstand.“

Gesundheitlich aufwärts ging es mit ihm erst wieder nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in einer deutschen Spezialklinik für Epileptiker. Dort hatte er die nötige Distanz, um das Geschehene aufarbeiten zu können. Dort fand er zu neuem Lebensmut und Selbstbewusstsein. „Man brachte mir Selbstakzeptanz bei und offenes Reden über die Krankheit.“ Insgesamt bewirkte der Klinikaufenthalt viel Gutes. „Danach hatte ich nicht mehr so viele Anfälle, nur noch alle zwei bis drei Monate einen.“ Thomas gelang nach dem Tod seines Bruders ein Neuanfang.  Er fand bei „Rondo“ in Frastanz eine Arbeitsstelle. Dort ist er heute noch als Hilfsarbeiter angestellt.

Früher haderte Thomas mit seinem Schicksal. Heute kann er viele Gründe aufzählen, warum er dankbar ist: „Ich habe Arbeit und eine hübsche Wohnung, ich kann meinen Hobbys Skifahren und Radfahren nachgehen. Und das Schönste ist: Ich hatte seit zehn Jahren keinen großen Anfall mehr.“ Jetzt fehlt Thomas, der hin und wieder an Absencen (kleinen Anfällen bzw. kurzfristigen Blackouts) leidet, nur noch eine Partnerin, die mit ihm die schönen Seiten des Lebens teilt.