Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Anständig

Vorarlberg / 07.05.2019 • 17:59 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Früher schwang beim Wort Anstand immer so ein bisschen Langeweile mit. Anständige Menschen gossen sich bestimmt nie einen hinter die Binde, trieben selten Scherze und wenn, dann tröpfelte das Lachen höflich neben die Porzellantassen. Es war fast wie ein Todesurteil: Wen die Erwachsenen als anständigen Menschen charakterisierten, der verschwand aus der Liste der begehrten Bekanntschaften.

Aber man wird älter. Zwar nicht unbedingt klüger, aber zwangsläufig reicher an Erfahrung. Und siehe da: Heute sind die anständigen Menschen jene, die nicht mitheulen mit der Meute. Die aufstehen und sich etwas sagen trauen, wenn andere Parolen rülpsen. Unter den Anständigen findet man die Mutigen, die sich einem Gesetz nicht beugen, wenn sie es als Unrecht erkannt haben. Die auch mal tun, was „man“ nicht tut. Die dafür ihr Spiegelbild morgens nicht meiden müssen.

Wenn man heute sagt: Die oder der ist echt anständig (geblieben), dann macht mich das regelrecht neugierig auf die Person.