Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Wo wohnt die Katze (3)

Vorarlberg / 22.05.2019 • 07:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Liv hatte laut gesungen, es hatte wie ein Arbeiterlied geklungen, und am Ende stemmte sie eine Krücke in die Höhe. Der Nachbar und sie hatten beide das Klingeln an der Tür überhört und sie erschraken, als der bärtige Russe vor ihnen stand.

„Lyubimyy“, sagte er und küsste seine Frau.

„Er sagt Liebling zu mir“, übersetzte sie. Sie wies auf den Mann im Sessel. „Das ist unser Nachbar“, sagte sie auf Russisch mit lustigem Akzent. „Ich habe ihm ein Lied vorgesungen, weil ich nicht wusste, was ich mit ihm reden soll.“

„Ich kenne ihn bereits“, sagte der Russe auf Russisch. „Er hat sich mir vorgestellt, er will uns beide auf einen Drink einladen. Ich denke, er könnte ein guter Mensch sein.“ Auf Deutsch sagte er: „Ich komme eben von der Arbeit im Außendienst.“ Und auf Russische sagte er: „Du hättest ihm nicht aufmachen sollen, Lyubimyy. Vielleicht ist er doch kein guter Mensch.“

„Der Russe kam zurück zu seiner Frau, er zog ihr die Bluse und den Büstenhalter aus und küsste ihre Brüste.“

Der Nachbar erhob sich und ging zur Tür. „Ich will nicht stören. Wenn Sie einmal Verlangen haben, uns zu besuchen, melden Sie sich. Klopfen Sie einfach an die Wand.“

Er schloss leise die Tür hinter sich.

„Was heißt Verlangen?“, fragte der Russe. „Aber doch nichts Sexuelles?“ Dann ging er in die Küche und rief ins Wohnzimmer: „Heute etwas Süßes! Soll ich etwas Süßes kochen? Etwas sehr Süßes? Sehr, sehr Süßes?“

„Oh ja“, sagte Liv. „Süße Wurst!“

„Wo sind die Butterkekse?“, rief der Mann aus der Küche. „Die brauche ich, Kakao und Butter sind da, aber ohne Butterkekse geht es nicht. Die billigen sind die besten.“

Bekam Antwort: „Die habe ich gegessen, heute Mittag. Ich war so hungrig, du warst nicht da, und meine Übersetzung ging schlecht. Ich muss Spezialausdrücke von dir wissen. Was heißt Gewährleistung? Ist das etwas mit Schießen?“

Der Russe kam zurück zu seiner Frau, er zog ihr die Bluse und den Büstenhalter aus und küsste ihre Brüste.

„Heute hungern wir beinahe. Heute essen wir nur Sardinen in Öl. Das alte Brot können wir aufbacken. Sehr, sehr Süßes gibt es morgen.“

Livs Krücken lagen auf dem Boden und die Nachbarn nebenan hörten ihr Lachen.

„Jetzt kitzelt er sie wieder“, sagte der Mann zu seiner Frau, und sie, ärgerlich: „Woher willst du das wissen?“

„Sie hat es mir gesagt.“

„Wann hat sie es dir gesagt?“, fragte die Frau. Gerade seifte sie ihre Hände ein, hielt sie unter kaltes Wasser und trocknete sie ab. Dann roch sie an den Innenflächen und wusch noch einmal.

„Du hast einen Waschzwang“, sagte der Mann. „Muss ich mir Sorgen machen?“

Und die Frau: „Es gibt Menschen, die waschen sich, und solche, die es nicht tun, wie diese Nachbarin, da möchte ich wetten.“

„Sie geht auf Krücken, sie ist eine Intellektuelle, sie übersetzt deutsche Verträge ins Russische, ist aber selbst eine Schwedin.“

„Das erfindest du jetzt, Verträge werden in Englisch verfasst und ins Englische übersetzt.“

„Und wenn die russischen Geschäftsleute kein Englisch verstehen?“

„Dann haben sie Untergebene, die es verstehen.“

Der Mann wandte sich von seiner Frau ab und legte sein Ohr an die Tapetenwand.

„Was für ein glückliches Lachen!“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.