Alpauftrieb verzögert sich

05.06.2019 • 18:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Aufgrund des strengen Winters und des unterkühlten Mai verzögert sich die Alp­saison heuer. Erst jetzt geht‘s langsam richtig los.Berchtold
Aufgrund des strengen Winters und des unterkühlten Mai verzögert sich die Alp­saison heuer. Erst jetzt geht‘s langsam richtig los.Berchtold

520 Alpen werden auch heuer bestoßen. Später Auftrieb hat Vor- und Nachteile.

Bregenz Christian Kohlers (47) Ungeduld hält sich in Grenzen. Der lang gediente Älpler freut sich zwar auch heuer, so wie jedes Jahr, auf seine Zeit mit den vielen Tieren und den wenigen Menschen auf seinem Sommerdomizil nahe des Spullersees, lässt sich aufgrund des späteren Auftriebs aber keine grauen Haare wachsen. „Statt dem 15. Juni wird es heuer halt ein etwas späterer Termin. Das ist kein Problem.“ Mit den 100 Kühen, 25 Pferden, 30 Ziegen, 150 Hennen und den vier Schweinen sollte der Alpsommer für Kohler und seine menschlichen Helfer noch lange genug dauern.

„Es ist jetzt halt so, wie es vor vielen Jahren war. Man ist diesen Jahreszeitenrhythmus wohl nicht mehr gewohnt“, sieht Christoph Freuis (40), Geschäftsführer des Alpwirtschaftsvereins Vorarlberg, den verzögerten Alpauftrieb ebenfalls gelassen. „Die Älpler“, so meint er, „nehmen das gottgegeben zur Kenntnis. Die Natur lässt sich eben nicht bestimmen.“

Noch liegt Schnee

Es war in der Tat ein strenger und langer Winter. Und ganz weg sind seine Spuren immer noch nicht. Der unterdurchschnittlich kalte und nasse Mai brachte Schnee bis in mittlere Höhenlagen. In den höheren Regionen liegt dort je nach Lage immer noch einiges von der weißen Winterpracht. Erst mit dem ersten starken Ausrufezeichen des Sommers schmilzt der Schnee dahin, die Älpler können sich allmählich auf den Aufstieg auch in hochalpine Zonen einstellen.

„Einige Alpen in niederen Lagen sind ja schon seit einiger Zeit bestoßen“, weiß Freuis. Er nennt als Beispiele die Alpe Schwende oder die Alpe Büla bei Kehlegg.

 Wirtschaft freut sich

Einiges zu tun gab und gibt es für die Eigentümer von Alpen ungeachtet des späteren Auftriebs. „Durch den vielen Schnee und die zahlreichen Lawinen entstanden im abgelaufenen Winter einige Schäden. Die mussten natürlich behoben werden, bevor man das Vieh nach oben schickt“, erläutert Freuis.

Für die Bauern im Tal bedeutet der spätere Alpauftrieb höhere Futterausgaben für die noch im heimatlichen Betrieb befindlichen Tiere.

Andererseits gibt es auch Gewinner eines späteren Alpauftriebs. „Das sind viele Wirtschaftsbetriebe im Land, die natürlich froh sind, wenn sie ‚ihre Älpler‘ noch etwas länger bei sich haben.“ Das bestätigt auch Christian Kohler: „Natürlich ist mein Chef froh, wenn ich etwas später auf die Alp gehe.“

Schweizer Gäste fehlen

Ein weiterer Vorteil des vielen Schnees auf großen Teilen der 50.000 Hektar Fläche, die alpwirtschaftlich genutzt wird: „Die Wasserversorgung ist erst einmal kein Problem, und auch das Gras bleibt länger jung und frisch“, berichtet Freuis. Tatsächlich wurde der vergangene Hitzesommer für viele Alpen im Land zusehends zu einem Problem. Wasser musste aus dem Tal ins Gebirge geschafft werden, um Mensch und Tier ausreichend zu versorgen. Von Vorteil war schon damals, dass die Alpen lange Zeit vom Schneewasser profitieren konnten, nachdem auch der vorangegangene Winter recht schneereich war. Von den Zahlen her wird sich der diesjährige Alpsommer vom letzten nicht groß unterscheiden. An den 520 Standorten werden knapp 40.000 Tiere sömmern. Kapazität wäre für mehr vorhanden. Doch seit dem Auftreten der Rinder-TBC haben zum Beispiel die Schweizer Landwirte ihre Tiere nicht mehr auf Vorarlberger Alpen geschickt. So gab es im Jahre 2013 noch 2500 Vierbeiner-Gäste aus der Eidgenossenschaft bei uns, davon waren 1000 Schafe.

Hinsichtlich Ertrag für 2019 muss sich erst zeigen, ob und welche Konsequenzen der verspätete Alpauftrieb haben wird. Im Alpsommer 2018 wurden rund 270.000 Kilo Bergkäse produziert.

„Die Wasserversorgung ist erst mal kein Problem. Das Futtergras bleibt länger frisch.“

alpwirtschaft

519 Alpen

50.000 Hektar alpwirtschaftliche Futterfläche

40.000 Tiere

1000 Älpler

266.910 Kilo Alpkäse 2018