Leistbar wohnen: „Man muss an allen Schrauben drehen“

Vorarlberg / 22.06.2019 • 12:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Architekturbüro Baumschlager Eberle realisiert Wohnbauten und -quartiere auf der ganzen Welt. Bild: Ein Projekt in Bregenz. FA/BE

Architekt Dietmar Eberle fordert politische Einflussnahme bei der Schaffung leistbaren Wohnraums.

Lustenau „Wenn ich nicht mehr an die Zukunft glaube, dann läuft etwas falsch“, sagt Dietmar Eberle über die Ausrichtung des sozialen Wohnbaus. Eberle weiß, wovon er spricht, auch wenn er damit oft Widerspruch erntet. Seit 1999 ist er ordentlicher Professor für Architektur und Entwerfen an der ETH Zürich und leitete bis 2015 das weltweit renommierte ETH-Wohnforum. Gerade ist sein Büro Baumschlager-Eberle, das weltweit tätig ist und rund 250 Mitarbeiter zählt, mit der Planung eines großen Wohnquartiers in Wien beschäftigt.

Teure Finanzierung

Wenn man von den Kosten für Wohnraum rede, müsse man die Belastungen für den Wohnbau genau anschauen. Bodenpreise betragen heute schon rund 35 Prozent der Errichtungskosten, dazu komme die Finanzierungsproblematik, die beim Hausbau den weitaus höchsten Teil ausmache, die Erstellungskosten und die Vermarktung. „Kosten kann man in jedem dieser Bereiche reduzieren, man muss an allen Schrauben drehen“, doch zuerst müsse die Grundstücksproblematik gelöst werden, so der Professor. Dabei sieht Eberle die Politik in der Pflicht. Gemeinden oder Land sollen Boden sichern und den Bürgern für den Wohnbau zur Verfügung stellen. „Da kann sich die Politik nicht herausnehmen, es braucht eine gesteuerte Bodenpolitik und die Bereitschaft öffentliches Geld zu investieren.“ In Vorarlberg habe man den Immobilienmarkt den freien Kräften überlassen. Das sei der falsche Weg, so Eberle. „Ich keine keinen einzigen freien Wohnungsmarkt, der funktioniert.“

„Der falsche Weg“

Auf Grundstücken, die von den Gemeinden als Bauland zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung gestellt werden, soll man die Bürger bauen lassen. „Die Leute machen was Gescheites“, versichert er und verweist auf die frühen Bauten der Vorarlberger Baukünstler, die immer von Bauherrengemeinschaften und immer verdichtet realisiert wurden. „Nach eigenen Vorstellungen und auch mit ordentlicher Eigenleistung.“ Ideales Instrument dafür seien Genossenschaften, wie sie zum Beispiel in Deutschland einen Boom erleben. In Österreich werde das durch Bürokratie und die Revision verunmöglicht. Von Billigwohnungen mit niederem Standard und kleinem Zuschnitt hält er nicht viel. Das sei der falsche Weg, das fördere die Ghettoisierung. Auch wenn die Anlagen klein seien, bezieht er sich auf sozialen Wohnbau in kleinen Gemeinden. Außerdem zeige die Wohnforschung, dass es in der Natur der Menschen liege, nach Größerem zu streben, eben auf größere Wohnungen, eine Umgebung, die nicht Ghetto sei, in der die Durchmischung stimme. „Billig bauen ist eine Haltung, die den Menschen nicht berücksichtigt. Alles klein zu machen ist der falsche Weg“, fordert Dietmar Eberle eine grundlegende Diskussion zum Thema, die auch über die Grenze blickt und die verschiedenen Modelle bzw. Erfahrungen etwa in den Niederlanden nicht außen vor lässt.