Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Was ein Fremder mir erzählte . . .

Vorarlberg / 23.07.2019 • 10:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Als ich noch ein Bub war, gefiel ich den Frauen, besonders den deutschen und holländischen Urlauberinnen und einem schwedischen Urlauber. Ich erklärte ihnen die Landschaft, und sie zahlten dafür. Ich sang ihnen Lieder vor, trank Schnaps, schon mit zwölf, und das Leben passte mir. Meine Mutter gab mich beim Großvater ab, der blind war und beinahe taub. Sie war mit einem Mann verheiratet, dreißig Jahre älter und für nichts gut. Deshalb nahm sie sich Liebhaber. Ich weiß nicht, bin ich das Kind eines Liebhabers oder des Alten. Jedenfalls, wenn der Alte schlief, lud mich die Mutter hinten ins Auto und gab mir Ovomaltine-Schokolade, die ich liebte. Sie selber ging mit dem Liebhaber in die Büsche, und als sie zurückkam, war die Schokolade aufgeschleckt.

„Ich gab unter den kranken Fuß eine Folie, damit sein Bett nicht ölig wurde, dann massierte ich ihn.“

Sie brachte mich über die Nacht zum Großvater, weil sie noch viel zu erledigen hatte, und holte mich ein Jahr lang nicht mehr ab. Danach wollte ich aber nicht mehr zu ihr gehen, geschweige denn bei ihr wohnen. Im Haus des Großvaters war ich der Herr,und alles gehorchte mir. Die Katzen, die Mäuse und die Hunde. Ich konnte ohne Mutter auskommen. Die Nachbarin des Großvaters brachte mir lauwarme Milch und Weißbrot und manchmal eine Blutwurst mit Sauerkraut. Ich musste nicht verhungern. Ich kann es gut mit alten Leuten, bin das gewohnt, ich brauche keinen Flachbildschirm. Ich öffne beide Fensterflügel und schaue in die Natur. Das ist mein Zeitvertreib.

Litt der Großvater an Schmerzen im Bein und im linken Zeh, machte ich ihm den Liegestuhl flach, legte darauf sein Bettzeug. Er war dankbar und versprach mir sein Erspartes. Ich gab unter den kranken Fuß eine Folie, damit sein Bett nicht ölig wurde, dann massierte ich ihn. Ich saß an seiner Seite und hatte viel Geduld. Er sagte dann, ich solle im Kasten unten rechts seine Schaftstiefel herausholen, darin sei nämlich sein ganzes Geld. Er wollte, dass ich es zähle. Ich sagte ihm, da sind noch Tausender von Schilling drin, was soll ich mit dem machen.

„Was ist an Euro da?, fragte er. Es waren knapp dreißigtausend Euro. „Deine Mutter bekommt davon rein gar nichts, das musst du mir versprechen.“

Ich versprach es ihm gern.

Die Mutter trug mir auf, im Haus des Großvaters nach Geld zu suchen, sie sagte, mir würde er verraten wo er es versteckt halte.

Ich sagte: „Mutter, der Großvater hat nichts, was er hatte, wurde für sein Leben ausgegeben. Er hat gerade seine Rente, und das ist wenig.“

Sie wollte mir nicht glauben, kam unangemeldet und fing an zu stöbern. Ich hatte die Schaftstiefel schon längst in ein schlaues Versteck gebracht. Das würde sie niemals finden.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.