Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Es springt natürlich nicht an

Vorarlberg / 30.07.2019 • 07:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Sommer, wie er sein soll. Man ist weiter viel am Land. Abende im T-Shirt, Radfahren in kurzen Hosen, im Wald spazieren und keine Schwammerl finden, aus allem Marmelade kochen und aus den ersten Klaräpfeln des Jahres den ersten Apfelstrudel backen: winzige, verwurmte Dinger, an denen man ewig herumschält. Bohnen und Zucchini ernten und gleich was daraus kochen, viel schwimmen, die Federbetten endlich mal waschen und in die Sonne hängen, genau bevor mit einem ordentlichen Gewitter die ersehnte Abkühlung kommt. Immer nach Gelsenspray duften und trotzdem gezeichnet sein von Dippeln und entzündeten, aufgekratzten Kriebelmücken-Schwellungen. Sich hauptsächen von Mozzarella und Paradeisern ernähren (gekauften, die eigenen werden und werden einfach nicht rot), die Tomaten mit Kaffeesud düngen, wie es die Frau mit dem grünen Daumen geraten hat. Sommerkino, Tom & Jerry an der Hauswand, mit kichernden, in Decken eingewickelten Kindern. Spektakuläre Sternenhimmel. Und, ach ja, ich hab ja jetzt wieder ein Moped.

„Der Teenager ist unsichtbar, weil er sich aus Scham über die peinliche Mutter in einem Gebüsch verdrückt hat.“

Ein befreundeter Teenager hat mir im Frühling den Tank leer gefahren und dann habe ich jedes Mal vergessen, eine Mischung zu besorgen. Hat also ein bisschen gedauert. Wann fahren wir jetzt mal, fragte eine der Töchter. Morgen, sagte ich, besorgte Benzin, und wir setzten uns die Helme auf und knatterten an den See, ich vorne, der Teenager am Rücksitz. Das Ding läuft super, kein Wunder, es hat auch vier Gänge. Ich fuhr damit am See vor, die Lautstärke einer alten Puch Whitespeed ist so, dass das nicht unbemerkt bleibt, und bitte, wenn man eine Puch Whitespeed fährt, hat man auch nichts zu verbergen. Wir parkten in Sichtweite im Schatten unter einem Kirschbaum und sprangen in den See, lagen ein bisschen in der Sonne und fuhren wieder heim. Wir verstauten das Badezeug wieder im extra hinten montierten Korb, dann startete ich los. Also, ich wollte losstarten. Weil was passiert, wenn man vor vielen fremden Menschen, die gerade nichts anderes zu tun haben, als einem dabei zuzusehen, ein Moped startet: Es springt natürlich nicht an. Bzw. es springt an und dann legt man den falschen Gang ein und es stirbt wieder ab. Oder man legt den richtigen Gang ein, fährt los und hat vergessen, den Benzinhahn aufzumachen. Der Teenager ist unsichtbar, weil er sich aus Scham über die peinliche Mutter in einem Gebüsch verdrückt hat.

Bitte, ich bin jetzt schon sehr, sehr erwachsen, aber es ist mir immer noch peinlich, wenn mir sowas passiert. Ich schob schließlich das Moped mit roten Schädel außer Sichtweite der Seewiesengaffer und startete nochmal. Es sprang sofort an, eh klar. Nächstes Mal nehm ich wieder das Fahrrad.

Doris Knecht
doris.knecht@vn.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.