Friedensaktivist beim Diözesanforum

Vorarlberg / 12.10.2019 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Cesare Zucconi ist Generalsekretär der Gemeinschaft Sant’Egidio. FOTO: TESSERA

Cesare Zuccone im Interview zur Flüchtlingsproblematik und der Zukunft der Kirche.

Dornbirn Am Mittwoch noch in Rom, am Donnerstag schon in Warschau und an diesem Wochenende beim Diözesanforum in Dornbirn: Cesare Zucconi, Generalsekretär der Gemeinschaft Sant’Egidio, die sich für Arme und Obdachlose einsetzt, ist ein gefragter Referent, aber auch ein engagierter Christ. Als solcher setzt er vielbeachtete Impulse in der Friedens- und Flüchtlingspolitik. Die Zukunft der Kirche sieht er darin, dass sie sich öffnet und hinausgeht zu den Menschen, vor allem zu den Armen.

Wie eng sind Sie und die Gemeinschaft Sant’Egidio mit den Armen verbunden?

Zucconi: Hilfe zu leisten bedeutet für uns eine treue Freundschaft zu alten Menschen, zu Kindern an der Peripherie, zu Migranten, zu Obdachlosen, zu Männern und Frauen. Wir gehören zu den Armen, jeder von uns hat einen Armen als Freund, und jeder von uns leistet dieses Engagement unentgeltlich und ehrenamtlich. Wenn wir als Christen glaubhaft leben wollen, dürfen wir nicht an den Armen vorbeigehen

Wo sehen Sie die großen Herausforderungen, der sich die Kirche stellen muss?

Zucconi: Eine der größten Herausforderungen ist sicher die Globalisierung. Sie macht vielen Menschen Angst, weil es immer noch große Unterschiede zwischen den Völkern gibt. Da werden Grenzen schnell wieder zu Mauern. Unsere Aufgabe muss es deshalb sein, Frieden zu schaffen in einer Welt, wo der Krieg herrscht.

Was kann die Kirche dazu beitragen?

Zucconi: Die Kirche muss die Türen öffnen und hinausgehen zu den Menschen. Leider agieren manche Pfarreien immer noch wie geschlossene Clubs. Auch Jesus klopfte an Türen, aber nicht, um eingelassen zu werden, sondern damit wir hinauskommen. Diese Richtung müssen wir einschlagen.

Wie lassen sich Menschen, die mit der Kirche nichts mehr zu tun haben wollen, überzeugen?

Zucconi: Die Menschen überzeugt man durch das Zeugnis des eigenen Lebens. Wir sind alle Kirche, und deshalb tragen wir alle Verantwortung. Es ist nicht allein Auftrag der Priester, zu handeln. Mit der Botschaft des Evangeliums kann uns das gelingen, denn es gibt ein starkes Bedürfnis danach. In einer Welt von Individualisten ist die Kirche trotz allem ein „wir“.  

Warum ist die Friedensarbeit für Sant’Egidio so wichtig?

Zucconi: Der Krieg ist der Vater der Armut. Mittlerweile leisten wir Friedensarbeit in 73 Ländern der Welt. Im Jahr 1992 kam etwa auf Vermittlung von Sant’Egidio der Friedensvertrag von Mosambik zustande, der nach zweijährigen Verhandlungen in Rom unterzeichnet wurde und einen Jahrzehnte andauernden militärischen Konflikt beendete.

Wie bewerten Sie die aktuelle Flüchtlingspolitik?

Zucconi: Es braucht dringend eine europaweite Lösung. Wir dürfen nicht länger zuschauen, wie Menschen weiterhin im Mittelmeer ertrinken. Ein Beispiel, wie es funktionieren kann, ist der humanitäre Korridor. Gemeinsam mit der Protestantischen Kirche haben wir mit der italienischen Regierung ein Abkommen getroffen, welches uns ermöglichte, Flüchtlingen ein humanitäres Visum zur Verfügung zu stellen. Inzwischen konnten wir 3000 Menschen sicher und legal ins Land bringen und integrieren. Es gibt keinen anderen Weg und es wäre schön, wenn möglichst viele europäische Länder diesen Weg der Menschlichkeit und Sicherheit gehen würden.