„Es waren teilweise fünf Stalker gleichzeitig“

Vorarlberg / 22.10.2019 • 18:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jolanda Spiess-Hegglin gründete den Verein Netzcourage. Franc
Jolanda Spiess-Hegglin gründete den Verein Netzcourage. Franc

Eine Schweizerin kämpft gegen Hass im Netz.

Dornbirn Niemand weiß, was am Abend des 20. Dezember 2014 in Zug geschehen ist. Auch Jolanda Spiess-Hegglin nicht. Am 21. Dezember wacht sie mit Schmerzen im Unterleib und fehlender Erinnerung auf. Im Spital werden fremde DNA-Spuren gefunden. Sie ist sich sicher: Sie wurde vergewaltigt. Doch Schweizer Medien drehen die Geschichte. Spiess-Hegglin, damals noch Politikerin, wird zur Täterin. Eine Welle des Hasses bricht über sie herein, sie möchte nicht mehr leben. 2016 gründet sie den Verein Netzcourage, der Opfern von Hass im Internet hilft. Außerdem zieht sie gegen Medien vor Gericht. Am Dienstag war sie auf Einladung der Amazone bei den Gender Impulstagen zu Gast.

 

Was geben Sie jungen Frauen mit auf den Weg?

Spiess-Hegglin Dass sie nicht schweigen. Mir haben alle gesagt, dass ich ruhig sein und Gras über die Sache wachsen lassen soll. Das wollte ich nicht, schließlich ist die falsche Geschichte erzählt worden. Und Solidarität ist wichitig! Man soll solidarisch sein, auch wenn man nicht der gleichen Meinung ist.

 

Wie war das, als der Hass über Sie hereingebrochen ist?

Spiess-Hegglin Kurz nach dem Vorfall hat jemand von der Polizei oder dem Spital mit dem „Blick“ (Schweizer Boulevardzeitung, Anm.) gesprochen. Der Artikel erschien dann um die Weihnachtszeit, mit großen Aushängen auf diesen gelben Blättern am Kiosk angekündigt. Dann ist es losgegangen. Alle haben meinen Namen übernommen, was sie nicht tun hätten dürfen. Der „Blick“ hat 240 Artikel veröffentlicht, aber nie hat man mit mir gesprochen. Diese Artikel hätten nie erscheinen dürfen.

 

Wann haben Sie begonnen, sich zu wehren?

Spiess-Hegglin Ich war ein Jahr krankgeschrieben. 2016, als ich halbwegs gesund war, habe ich es nicht mehr ausgehalten. Die Ausgrenzung, die Hassbotschaften, die täglich gekommen sind. Ich habe mich aus dem Parlament zurückgezogen und Netzcourage gegründet.

 

Was sind das für Hassbotschaften?

Spiess-Hegglin Sie kommen über alle Kanäle, auch Briefe und Pakete mit Vergewaltigungs- und Morddrohungen sind dabei. Es gab auch Stalker, teilweise fünf gleichzeitig. Zum Teil gibt‘s die heute noch.

 

Warum der Hass?

Spiess-Hegglin Ich habe zwar gar nichts gesagt, aber ich war in den Medien ständig präsent. Als ich Berichte dann richtigstellen wollte, hätte ich schweigen sollen. „Man will dich nicht mehr hören“, hieß es. Gleichzeitig war ich 2015 die meistgegoogelte Frau der Schweiz, ich kam direkt nach Sepp Blatter und Stan Wawrinka. Das ist so pervers. Ich sollte schweigen, aber die Leute haben sich für jedes Detail interessiert. Und der „Blick“ hat wahnsinnig viel Auflage generieren können.

 

Da gab es kürzlich ein viel beachtetes Urteil.

Spiess-Hegglin Der „Blick“ hat mit Berichten über mich mutmaßlich 1,5 Millionen Franken verdient. Jetzt gibt es ein Bundesgerichtsurteil, das sagt, dass bei persönlichkeitsverletzenden Medienkampagnen der Gewinn aus der Berichterstattung an das Opfer geht. Das ist wie bei einem Ladendiebstahl, bei dem man das Diebesgut zurückgeben muss. Wir werden versuchen, dieses Geld zu bekommen. Es wird aber ein langer Weg. Da geht es schon längst nicht mehr um mich. Ich will, dass solche Geschichten nie mehr vorkommen. Und dass die Verleger keine weitere Million mit mir verdienen.

 

Wie geht man mit dem Hass um?

Spiess-Hegglin Es hat damals keine Anleitung gegeben, ich konnte niemanden fragen. Meine Partei und die Leute um mich haben gesagt, ich soll mich zurückziehen. Das wollte ich nicht, also habe ich alles ausprobiert. Ich habe alles gelesen, was mir nicht gutgetan hat. Dann habe ich versucht, zu fragen, warum sie das tun. Und dann habe ich angefangen, Anzeigen zu schreiben. Das war sehr effizient.

Zur Person

Jolanda Spiess-Hegglin

engagiert sich für Frauenrechte und gegen Hatespeech im Internet.

Geboren 26. November 1980

Laufbahn 2003 bis 2010 Journalistin, dann Wechsel in die Politik. 2014 bis 2016 im Zuger Kantonsrat

Familie verheiratet, drei Kinder