Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Luca – eine Geschichte in fünf Teilen. Dritter Teil

Vorarlberg / 17.11.2019 • 19:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wir saßen uns im Zug gegenüber. Die Frau, sie hieß Luca, erzählte mir von ihrer Kindheit, und dass sie sich vor ihren Eltern in einer Regentonne versteckt hatte, weil sie nicht in den Urlaub mitfahren wollte.

„Wie sollte mein Vater dieser Frau begreiflich machen, dass es keinen Urlaub geben würde?“

„So kauerte ich ein paar Stunden lang in der Tonne, begann auch schon zu wimmern und leise zu rufen. Ich traute mich nicht heraus, aber ich wollte auch nicht bleiben. Am Abend entdeckte mich der Polizeihund. Man hatte ihm ein gebrauchtes Hemdchen von mir zu riechen gegeben. Der Polizist überreichte mich dem Vater, dem die Tränen in den Kragen liefen. Er drückte mich an sich und hatte auch den kleinen Holzmenschen dabei. Er hatte ihn im Abfall gefunden.“
„Und Ihre Mutter?“, fragte ich.
„Meine italienische Mama war musterhaft hysterisch. Man gab ihr Beruhigungstabletten, sie lag im Bett. Eine junge Polizistin bewachte sie. Was hatten sie sich schon Schreckliches ausgemalt! Ich entführt, und dann die Lösegeldforderungen! Kopierte Zettel mit meinem Gesicht an den Bäumen, ganze Alleen entlang.

Als der Vater mit mir vor ihrem Bett stand, weinte auch sie. Sie drückte mich so heftig an sich, dass ich kaum mehr atmen konnte. Bald darauf fluchte sie wieder.
Mein Vater holte sich Rat bei seinem Freund. Sollte er einen neuen Flug buchen oder die Reise absagen, das teure Fünf-Sterne-Hotel?
Sag alles ab, riet ihm der Freund, beide hatten schon viel Bier im Bauch. Geh mit Luca spazieren, nehmt das Baby mit und lasst die Krätzn allein.
Sag nicht Krätzn zu ihr!, lallte mein Vater. Sie ist meine Frau, und sie hat mein Versprechen, dass ich für immer bei ihr bleibe.
Da sagte der Freund nichts mehr. Gern hätte er gesagt, Sex gibt es überall, und man kann danach einfach weggehen, zufrieden und ohne Sorge.
Wie sollte mein Vater dieser Frau begreiflich machen, dass es keinen Urlaub geben würde? Alles würde von ihr verurteilt werden. Er fasste ihre Hand. Dünne, raue Finger, obwohl sie fünfmal am Tag dick Creme auftrug. Ihre Augen, groß und glitzernd, und die Haare irrsinnig gefärbt, blond, dazwischen dunkle Strähnen, obwohl die Ausgangsfarbe, samtbraun, ihr so gut zu Gesicht gestanden hätte, italienisches Samtbraun. Wollen Sie wissen, was er sich gedacht hat, mein Vater?“
„Sagen Sie es mir.“
„Wir sind weit mehr als unsere Körper, dachte er sich. Er sah mich die Zunge herausstrecken, ich stand hinter meiner Mutter. Gern hätte er es mir gleichgetan. Schon hat er sich über die Lippen geleckt.“

Fortsetzung nächsten Mittwoch.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.