Jedem Tierkreiszeichen sein Blutopfer

Vorarlberg / 23.11.2019 • 18:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Dieses Mail und eine Todesliste sorgten im Jar 2010 für helle Aufregung. VN/Paulitsch
Dieses Mail und eine Todesliste sorgten im Jar 2010 für helle Aufregung. VN/Paulitsch

Im letzten Teil der VN-Serie „Mordsgeschichten“ erzählt Norbert Schwendinger, Morddezernatsleiter in Pension, von einem angekündigten Amoklauf.

Feldkirch Es sollte am Rosenmontag, dem 15. Februar 2010, geschehen. An diesem Tag würde er in einer Schule in Feldkirch zwölf Menschen erschießen, prophezeite der damals 20-jährige Mann über Social Media. Wen er dabei ins Auge fasste, kündigte er Tage zuvor in einer „Todesliste“ an, die er in einem Kuvert verschickte – unter anderem auch an das Vorarlberger Medienhaus. Von dort aus wurde auch die Polizei informiert.

Die Sicherheitskräfte gerieten in eine nervenzerreißende Extremsituation. Norbert Schwendinger, damals Leiter des Morddezernates, erinnert sich nur allzu gut: „Ich kam gerade vom Außendienst zurück, als die Meldung einging. Es gab sofort Gespräche mit dem Direktor der betreffenden Schule. Dem damaligen Feldkircher Dienststellenleiter der Polizei gelang es dann hervorragend, die Situation dort zu beruhigen.“ Die Kriminalisten selbst sahen sich jedoch vor ein großes Problem gestellt: „Es war Not am Mann! Unser großes Problem war, dass wir noch nicht wussten, mit wem wir es zu tun hatten“, so Schwendinger. Die Zeit drängte, sofort kam die IT-Abteilung des Landeskriminalamtes zum Zug.

Festnahme beim Abendgebet

„Unsere Computerspezialisten suchten nach dem Internetprotokoll“, sagt der ehemalige Chefermittler, „und dabei spielte auch das Glück eine Rolle. Denn sogleich gelang es ihnen, den richtigen Anschlussteilnehmer herauszufinden.“ Wie sich herausstellte, gingen die Droh-Mails von einem Haus in Feldkirch aus. Der Rest war Routine. Schwendinger: „Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft begaben wir uns mit dem Einsatzkommando Cobra vor Ort, brachen die Wohnungstüre auf und trafen den Verdächtigen mit seiner Mutter beim Abendgebet zu Tisch an.“

Nach der Durchsuchung des Zimmers des 20-Jährigen herrschte kein Zweifel mehr. „Wir stießen auf Gewaltlektüre und erfuhren, dass der Lieblingsfilm des Verdächtigen ‚Zodiac‘ war, ein Film über einen Massenmörder, der auf wahren Tatsachen beruhte. Für den Verdächtigen ein Vorbild, das er nachahmen wollte, deshalb verwendete er bei den Mails auch das Synonym `Zodiac`“, erklärt Schwendinger.

Mobbing und Liebeskummer

Die anschließende Beleuchtung von Person und Charakter ergab ein tristes Bild über den jungen Mann. „Er war in sich verschlossen und fühlte sich damals als ehemaliger Schüler in der Schule, die er ins Visier genommen hatte, gemobbt. Außerdem quälte ihn eine unerfüllte Liebe zu einem Mädchen, das von seinen Gefühlen gar nichts wusste. Auch war er früher schon wegen seiner Schizophrenie auf Medikamente angewiesen“, so der ehemalige Dezernatsleiter, der noch hinzufügt: „Ich selbst glaube zwar nicht, dass er seine Drohung wahr gemacht hätte. Ich meine, dass es ihm nur um Aufmerksamkeit und Einschüchterung ging.“ Der 20-Jährige wurde später in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen.

Der gefährliche Halbbruder

Fünf Tage nach der Festnahme des „Amokläufers ins spe“ sorgte übrigens auch dessen Halbbruder für Aufsehen, auch wenn kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den Taten bestand. Schwendinger: „Dieser Halbbruder hatte als sogenannter ‚Zugsurfer‘ früher bei einem Unfall einen Arm verloren und kündigte seiner Ex-Freundin an, mit einem Karabiner zum Feldkircher Bahnhof zu gehen und dort Leute zu erschießen. Auch sie selbst würde er umbringen, weil ihm Gott befohlen habe, sie zu töten. Die Frau zeigte das an, der Mann wurde in die Justizanstalt Feldkirch eingeliefert.“