Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Alle Achtung!

Vorarlberg / 28.11.2019 • 18:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Frau Ammann hatte sich in einer Anwandlung frühlingshafter Gefühle über einen Mauervorsprung geschwungen und sich dabei eine Fleischwunde am Fuß zugezogen. Schmerz, Wut und am Ende gelassene Einsicht in unser aller Hinfälligkeit führten sie ins Krankenhaus Hohenems und damit in die Arme lieber und kompetenter Menschen, die dort mit Hingabe Patientenschmerzen lindern.

„Sie hat mindestens vier verschiedene Sprachen gezählt und doch eigentlich kein lautes Wort gehört.“

Da wieselt man in Grün, Blau und Weiß durch die Gänge und keine Empathiesekunde scheint gespielt. Sie hat mindestens vier verschiedene Sprachen gezählt und doch eigentlich kein lautes Wort gehört, außer den Namen, die der Lautsprecher ausspuckte. Von Kutoglu bis Hämmerle. Ihr Arzt, ein Perser, vom Feinsten.

Leben und Tod

Ich weiß, die Idylle mag subjektiv empfunden sein, sagt sie, aber es gab Momente, in denen sie dachte, Menschen, die in Krankenhäusern klaglos ihren täglichen Dienst tun, sollte man hin und wieder ins Rampenlicht rücken und ein schlichtes Danke sagen. Krankenhäuser zählen zu den sensibelsten Territorien unserer Gesellschaft, sind Schwellenräume zwischen Glück und Unglück, Leben und Tod, zwischen Diagnoseangst, Urteil, Hoffnung, Kampfgeist und Resignation, eine Nahtstelle des buchstäblichen Umgangs miteinander. Körper und Seelen, ihre Intimität und ihre Würde stehen im Fokus, in höchst sensiblen, oft lebensentscheidenden Situationen. Also eine Stressquelle der besonderen Art.

Brutale Sprache

Auch in Hohenems gibt es Kulturenclashes: Ein Mann will seinen Sohn nicht von einer Ärztin untersuchen lassen, ein anderer wird ungehalten, weil ein Arzt versucht, eine Wunde unterm Kopftuch seiner Frau zu inspizieren, Wertewelten und Ressentiments kollidieren auf engstem Raum. Darum: Alle Achtung vor denen, die das mit Respekt und Würde meistern. Statistiken zu diesem Thema sprechen oft eine brutale Sprache: 85 Prozent des Krankenhauspersonals in Wien waren schon Gewaltattacken ausgesetzt, von In- und Ausländern, von verbaler und körperlicher Aggression bis hin zu sexueller Belästigung reicht die Palette. Deeskalationsmanagement und kluge Kommunikation reichen nicht immer als Barriere gegen den Frust der Patienten. Die gestressten Opfer unserer Alltagswelt sammeln sich auch in Ambulanzen, da eskalieren Geschichten, die erzählen, wie es steht um unsere nervöse Welt.

Ich weiß schon, Hohenems ist keine Insel , sagt Frau Ammann, aber ich war trotzdem selig dort. Dann steigt sie runter zum Emsbach und holt sich mit der Hand einen kräftigen Schluck.

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt in Lochau.