Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Ein weihnachtliches Problem

Vorarlberg / 18.12.2019 • 08:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der kleine Mann stellt sich mir in den Weg. Ich kenne ihn. Er ist immer und zu jedem freundlich. Und alle sind zu ihm freundlich. Er ist schon bald fünfzig Jahre alt und wohnt bei seiner Mutter. In der Nähe von uns.

„Weil die meisten Menschen zu Weihnachten gutmütig sind, zumindest bis Neujahr, erlauben sie es dem kleinen Mann.“

„Ich habe ein Problem“, sagt er.
„Kann ich dir helfen?“, frage ich.
„Musst mir helfen.“
„Und?“, frage ich.
„Die Einkaufswagen.“
„Die Einkaufswagen? Was ist mit den Einkaufswagen?“
„Ich habe zehn.“
„Zehn Einkaufswagen?“
„Die stehen bei der Mama im Garten. Sie sind zugedeckt, dass man sie nicht sehen kann. Du musst sie wegbringen.“
„Und warum stehen zehn Einkaufswagen bei deiner Mama im Garten?“

Jedes Weihnachten, genau zehn Mal, wurde dem kleinen Mann erlaubt, der Kundschaft die Einkaufswagen abzunehmen und in die Reihe zurückzuschieben. Vorher fragte er höflich, ob er beim Einladen helfen dürfe. Weil die meisten Menschen zu Weihnachten gutmütig sind, zumindest bis Neujahr, erlauben sie es dem kleinen Mann. Er hebt Flaschen in die Kofferräume, Schinken, Panettoni und vieles mehr. Die meisten schenken dem kleinen Mann etwas, den Euro für den Einkaufswagen sowieso, einen Sack Mandarinen, Kekse, eine kleine Salami und so weiter, die schichtet der kleine Mann in einen extra Einkaufswagen und stellt ihn bei den Containern ab. Nach Geschäftsschluss fährt eine freundliche Angestellte den Wagen in den Markt, damit er nicht gestohlen wird. Nach einer Woche Arbeit ist sein Einkaufswagen prall gefüllt, und der kleine Mann wartet die Dunkelheit ab und fährt ihn nach Hause. Er geniert sich ein bisschen, obwohl das nicht sein müsste. Schließlich ist alles rechtmäßig. Seine Mutter hilft ihm beim Ausladen, freut sich über die Waren und bringt sie in die Speisekammer. Mutter und Sohn fühlen sich reich beschenkt. Zehn Weihnachten schon geht das so, die Kunden haben sich an den kleinen Mann gewöhnt. Die einzelnen Euros wirft er in das leere Marmeladenglas zu Hause in der Küche. Wenn ihm langweilig ist, wird er sie zählen. Sein Problem aber sind inzwischen die zehn Einkaufswagen, zugedeckt mit einer Plane, die in dem Garten stehen, und der Garten ist bescheiden, gerade ein Gemüsebeet, ein Apfelbaum.

Jetzt kommt das elfte Weihnachten. Wieder wird der Einkaufswagen des kleinen Mannes voll beladen sein.

„Wenn ich jetzt alle Wagen zurückbringe“, sagt der kleine Mann ängstlich, „denken die Leute, dass ich sie gestohlen habe und jetzt ein schlechtes Gewissen habe.“

Ich erörtere beim Abendessen das Problem des kleinen Mannes. Mein Mann und mein Sohn bieten sich an, mir zu helfen. Drei ineinandergeschobene Einkaufswagen wird mein Mann zurückbringen, vier mein Sohn, und mit dreien will ich es versuchen. Vorerst rede ich mit der Marktleiterin. Sie wird das verstehen und vor dem kleinen Mann so tun, als wäre alles wie immer.