Warum für Martina Wohlgenannt die Familie alles ist

Vorarlberg / 09.01.2020 • 11:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Mit 88 Jahren erfreut sich Martina Wohlgenannt an jedem Tag und nimmt ihn als Geschenk. EH

Mit 88 Jahren erfreut sich Martina Wohlgenannt aus Dornbirn an jedem Tag und nimmt ihn als Geschenk.

Dornbirn 88 Jahre, körperlich fit und geistig rege. Sie fährt noch gut und gerne Auto und geht einmal wöchentlich zum Seniorenturnen. Martina Wohlgenannt ist dankbar für ihr Leben in guter Gesundheit, das sie nach dem Motto: „us jedem Tag s’Beschte macha“ verbringt. Ihre große Familie mit zehn Enkeln und zwölf Urenkeln sieht sie als Geschenk. „Familie ist wie ein Baum. Die Zweige mögen in verschiedene Richtungen wachsen, doch die Wurzeln halten alles zusammen.“ Wer in ihr Haus einkehrt, kann beim Klingeln und Türöffnen diesen Spruch lesen, der neben dem Eingang auf einem ausgesuchten Stück Holz festgehalten ist. „Das hat mein jüngster Sohn gemacht“, freut sich die Hatler Seniorin täglich am handwerklichen Schmuck, wenn sie hinein- und herausgeht.

Vier Kinder haben sie und ihr Mann Martin großgezogen. Leider sei er mit 67 Jahren früh verstorben. „Im Vergleich zu meinem Alter ist es sehr früh“, meint sie und lächelt dabei etwas wehmütig und sagt noch: „Wir hätten noch so lang mitanand schaffa künno.“ 20 Jahre lebt sie allein. Doch die zierliche Dame steht mit beiden Füßen im Leben und meistert nach wie vor Haushalt und Garten. Die Gartenarbeit zählt sowieso zu ihren Hobbys. Sie strickt auch gerne. Besonders jetzt, im Winter, wenn der Kachelofen in der Stube eine behagliche Wärme verströmt, genießt sie diese beruhigende Tätigkeit.

Zeitzeugin

Dank ihres hohen Alters kann sich Martina Wohlgenannt weit zurückerinnern. Bei Ausbruch des Krieges war sie acht Jahre alt. Ihr Vater wurde sofort zum Polenfeldzug eingezogen. „Zum Glück war er nicht sehr lange fort“, das habe ihn wahrscheinlich vor dem Tod bewahrt, ist sie überzeugt. „Vater wurde zur Kriegsrüstung beauftragt. Er musste mit anderen Baracken für die Soldaten bauen, die bei uns stationiert waren. Wir hatten großes Glück, unsere Familie musste keine Not leiden“, sagt sie. Es gab die Lebensmittelmarken. „Und bi üs a’dr Hintorachmühle hatte damals fast jeder eine Sau im Stall. Die Küchenabfälle wollte man gut verwerten. Bei der Schlachtung gab’s mit den Nachbarn ein kleines Fest, und für die Familie noch länger reichlich zu essen.“

„Wir hatten großes Glück, unsere Familie musste keine Not leiden.“

Martina Wohlgenannt

Doch das furchtbare Kriegserlebnis am 1. Oktober 1943, als Feldkirch bombardiert wurde, ging ihr lange nicht mehr aus dem Kopf. Sie war elf Jahre alt und hütete gerade das Vieh auf einer Weide unweit des Elternhauses. Es habe derart laut gekracht, unbeschreiblich, erinnert sie sich an den Luftangriff zurück. Das Vieh sei zuerst wild umhergerannt und danach unaufhaltsam zurück in den Stall gelaufen. „Das verfolgte mich lange“, wiederholt sie nachdenklich. „Unheimlich war auch jedes Mal das Sirenengeheul wegen Fliegeralarm. Der Unterricht in der Schule wurde sofort abgebrochen und wir rannten so schnell wir konnten nach Hause. Es ist vorbei“, sagt sie im nächsten Augenblick dank ihrer positiven Lebenseinstellung, die sie sich bis heute bewahrt hat. Sonst sei sie mit ihrer Kindheit recht zufrieden. „Halt viel schaffa häet ma müosso, wia alli andoro ou.“

Die Zeiten ändern sich

„Wie die Zeit alles verändert hat, was aus dem alten Hatlerdorf geworden ist“, sagt die Seniorin und verstärkt ihre Verwunderung mit heftigem Kopfnicken. „Wenn ich daran denke, wie wir Kinder am Sonntagmorgen mitten auf der Straße zur Kirche schlenderten, kein Auto, ab und zu kam uns ein Fuhrwerk entgegen. Heute ersticken wir beinahe im Verkehr. Neben dem Pfarrheim war die Hatler Sennerei“, erzählt sie weiter. „Dort konnte man die Milch abliefern, zu Fuß natürlich, mit einem kleinen Leiterwagen im Schlepptau. Wir Kinder bewältigten sowieso alles zu Fuß, wir hatten nicht einmal ein Fahrrad.“

Sie erzählt gerne von früher, das taten schon ihre Eltern gern, die ein hohes Alter erreicht haben, und sie habe als Kind ebenso gern zugehört. Nach der Grundschule besuchte sie die Textilschule. Später fand sie dort eine Anstellung im Büro. Das kam ihr nach der Heirat zugute. Im unteren Stockwerk ihres Elternhauses hatte der Vater eine Huf- und Wagenschmiede.

Betrieb übernommen

Den Handwerksbetrieb haben später sie und ihr Mann übernommen. Er war der Handwerker, sie machte den „Schreibkram“. „Oft spät abends“, lacht sie, „untertags gab es mit den Kindern, Haushalt und rundherum jede Menge zu tun.“ Heute lebt die Mutter, Oma und Uroma jeden Tag gern, nimmt ihn als Geschenk, „no so lang, bis mi dar Herrgott holat.“ eh