Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Ein Hoch den ÖBB

Vorarlberg / 09.01.2020 • 06:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wenn es in Österreich im öffentlichen Bereich etwas zu kritisieren galt, mussten die ÖBB über Jahrzehnte als einer der Hauptadressaten herhalten: Man spottete über verspätete Züge, klagte über heruntergekommene Bahnhöfe, beschwerte sich über die veraltete Infrastruktur und kritisierte das Management. Die ÖBB wurden, oft zu Unrecht, als Symbol für schlecht funktionierende staatliche Betriebe, für Pensionsantritt in den besten Jahren und für chronisches Defizit betrachtet. Der Ruf war nicht gut, der Vergleich mit ausländischen Bahnen fiel negativ aus. Auch an dieser Stelle wurde wiederholt Kritik geübt.

„Die Situation hat sich in nahezu allen Bereichen geändert, und zwar durchwegs zum Positiven.“

Blickt man heute auf die ÖBB, reibt man sich die Augen. Die Situation hat sich in nahezu allen Bereichen geändert, und zwar durchwegs zum Positiven. Die Züge sind, für die Kunden das Wichtigste, pünktlich und verlässlich. Die Verspätungsrate von 2,5 % ist international eine der niedrigsten. Mit den Railjets stehen komfortable Reisemittel zur Verfügung, in denen sogar das Internet nahezu flächendeckend funktioniert. Die ehemals trostlosen Bahnhöfe haben sich zu vitalen Kommunikationszentren gemausert. Ob in Wien, Linz oder Graz: Einer ist schöner als der andere, mal abgesehen vom Schlusslicht Bregenz. Besonders hervorzuheben sind die selbst in schwierigen Situationen festzustellende Kompetenz und Freundlichkeit des Personals, die vorbildlich für manch andere öffentliche Institution sein könnte.

EU-Bahnland Nummer 1

Auch die wirtschaftliche Entwicklung dieses großen Arbeitgebers scheint zu stimmen. Pro Jahr werden mehr als eine Viertelmilliarde Fahrgäste befördert, Österreich ist zum Bahnland Nummer 1 in der EU geworden. In den letzten sieben Jahren konnte in allen Konzernbereichen positive Ergebnisse erzielt werden. Das Management hat es sogar geschafft, mit den 2016 von der Deutschen Bahn übernommenen Nachtzügen Gewinn zu erzielen, sodass jetzt in der Bundesrepublik die Forderung nach Rückübernahme immer lauter wird. Und nicht zu vergessen: Das Pensionsantrittsalter der ÖBB-Mitarbeiter steigt kontinuierlich an, keiner geht mehr mit 52 in Ruhestand.

Unsere Bahnen haben sich zu einem modernen, in allen Bereichen bestens funktionierenden, tatsächlich auf die Kunden orientierten und von diesen immer lieber angenommenen Dienstleistungsbetrieb entwickelt. Gerade in Zeiten der Umweltkrise ist dies von enormer Wichtigkeit. Auch wenn es ständig neue Herausforderungen gibt und das eine oder andere noch zu verbessern wäre, können heute die Österreicher auf ihre Bahnen wirklich stolz sein.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.