Mehr und doch zu wenige Geburten

Vorarlberg / 12.02.2020 • 09:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
2018 gab es 4321 Geburten. Das sind so viele wie zuletzt Ende der 1990er-Jahre. VN/LERCH

Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung in Vorarlberg zurückgehen.

Johannes Huber

SCHWARZACH Zuletzt hat sich der Storch wieder öfter blicken lassen: Die Zahl der Geburten ist deutlich gestiegen. In den 2000ern wurden in Vorarlberg weniger als 4000 Kinder jährlich zur Welt gebracht, 2007 war mit 3722 der absolute Tiefpunkt erreicht. 2014 stieg die Zahl wieder, um seit 2016 auf einem relativ hohem Niveau zu bleiben. 2018 gab es 4321 Geburten. Das sind so viele, wie zuletzt Ende der 1990er-Jahre. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Es sind noch immer zu wenig, damit die Bevölkerung konstant bleibt. Ohne Zuwanderung würde sie zurückgehen.

Die Bevölkerungswissenschaftlerin Alexia Fürnkranz-Prskawetz weist die VN auf ein paar Dinge hin, die man bedenken muss, wenn man den Geburtenanstieg erklären möchte: Es könnten gerade mehr Frauen im gebärfähigen Alter sein. Eine Überprüfung zeigt: Es ist wirklich so. Außerdem erinnert Fürnkranz-Prskawetz daran, dass „aufgeschobene Geburten“ nachgeholt werden könnten. Sprich: Viele Frauen werden erst später Mutter. Was dafür spricht: Das mittlere Alter ist hierzulande allein seit 2000 um drei Jahre gestiegen; und zwar auf mehr als 31 Jahre.

Fertilitätsrate in Vorarlberg höher

Alles in allem führt das zum Ergebnis, dass die Zahl der Kinder, die eine Frau durchschnittlich im Laufe ihres Lebens bekommt, kaum gestiegen ist. Mit 1,68 ist diese Fertilitätsrate in Vorarlberg zwar höher als bundesweit (1,48), aber noch immer weit entfernt von den 2,1, die nötig wären, damit die Bevölkerung zumindest konstant bleibt.

Was das bedeutet, hat Alexander Hanika (Statistik Austria) in einer Bevölkerungsprognose ermittelt. Ohne Zuwanderung würde es längerfristig einen Rückgang geben: Die Zahl der Menschen, die in Vorarlberg leben, würde kaum über 400.000 hinaus steigen und ab 2030 sinken. 2060 wären Hanikas Berechnungen zufolge wieder weniger als 380.000 erreicht.

„Das mittlere Alter ist hierzulande allein seit 2000 um drei Jahre gestiegen.“

Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Bevölkerungswissenschaftlerin

Warum aber gibt es zu wenig Geburten? „Die Lebenskonzepte der Menschen haben sich geändert“, sagt Isabella Buber-Ennser vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: „Viele wünschen sich zwei oder drei Kinder. Zunächst stehen aber Ausbildung und Karriere im Vordergrund und wenn es dann um die Familiengründung geht, ist es oft schon zu spät. Oder es wird aufgrund unzureichender Betreuungsangebote schon mit einem Kind schwierig.“ Geburtendefizite gibt es europaweit. Einzig Frankreich kommt der erwähnten Fertilitätsrate von 2,1 nahe „Das ist historisch gewachsen“, erläutert Buber-Ennser: „Unter Napoleon war es Frankreich wichtig, größer zu sein als Deutschland.“ Das werde seither gefördert. Mit der Zahl der Kinder, die eine Familie hat, wachse die steuerliche Unterstützung. Ab drei sei sie am größten.