Von der Brummifahrerin zur Autorin

Vorarlberg / 17.02.2020 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Von der Brummifahrerin zur Autorin
Kriemhild Bickel mit ihrem neuesten Werk: “Ledigenkinder”.

Kriemhild Bickel, einst eine Kapitänin der Landstraße, schreibt heute Bücher.

Zwischenwasser Dass Kriemhild Bickel (64) heute Bücher schreibt, könnte mit ihrer Kindheit zu tun haben. Sie war fünf Jahre alt, als sie sich bei einem Sturz einen Wirbel brach. Niemand bemerkte, dass das Kind verletzt war. In der Folge wuchsen die Wirbel falsch zusammen. „Als meine Mutter mich badete, bemerkte sie, dass ich am Rücken einen Höcker hatte.“ Erst da reagierten ihre Eltern. Sie brachten ihre Tochter in eine Kinderheilstätte nach Viktorsberg. Dort verbrachte das Kind 13 Monate in einem Gips-Bett. „Ich lag Tag und Nacht auf dem Bauch. Man band mich an, weil ich ein paar Mal ausgebüxt und im Haus herumgerannt war.“ Das Mädchen, das zum Nichtstun verdammt war, flüchtete mit Hilfe seiner lebhaften Fantasie in eine „wunderschöne Traumwelt. Ich habe mir Geschichten ausgedacht“.

Als Kind wurde Kriemhild Bickel gehänselt.
Als Kind wurde Kriemhild Bickel gehänselt.

Gesundheitlich brachte dem Kind der Aufenthalt in der Kinderheilstätte nichts, im Gegenteil. „Mein Körper war danach noch mehr deformiert. Meine Füße trugen mich nicht mehr, so kraftlos war ich. Außerdem litt ich an starken Rückenschmerzen.“ Kriemhilds Mutter warf das Gips-Bett weg und brachte ihre Tochter zum Schlinser Männle, einem Heiler. „Er nahm mir die Schmerzen.“ Doch der Buckel am Rücken, der blieb. Wegen seines körperlichen Makels wurde das Mädchen von anderen Kindern gehänselt. Weil es dazugehören wollte, griff das Kind zur Selbsthilfe. „Um meinen Rücken zu begradigen, habe ich ein Brett auf mein Bett gelegt und auf diesem geschlafen.“ All das habe ihre Kindheit aber nicht verdüstert, sagt sie. „Ich hatte eine schöne Kindheit“.

Große Liebe an der Tankstelle gefunden

Mit 18 Jahren heiratete sie einen Mann, der sich als Alkoholiker entpuppte. Die Ehe hielt sechs Jahre. Danach arbeitete sie als Tankwartin. An der Tankstelle lernte sie Willi kennen, ihre große Liebe. „Acht Monate später haben wir geheiratet.“ Mit Willi wurde ihr Leben abenteuerlich. „Mein Mann war Fernfahrer. Ich fuhr mit ihm im Truck mit und begleitete ihn überall hin.“ Das Leben auf der Straße gefiel ihr. „Es ist Freiheit“, versucht sie die Faszination des Fernfahrerlebens zu beschreiben. Als ihr Mann Rückenprobleme bekam, beschloss sie, den Lkw- und Hänger-Führerschein zu machen. Ab da wechselte sich das Ehepaar am Steuer ab. Sieben Jahre lang war der Truck bzw. die kleine Koje ihr Zuhause. „Dann wollte ich auf einmal sesshaft werden.“ Wenn sie an Häusern vorbeifuhr und die Lichter sah, dachte sich die gebürtige Mäderin: „Die schauen in der Stube fern und haben es gemütlich.“

Als Frau war Kriemhild Bickel eine Exotin unter den Fernfahrern.
Als Frau war Kriemhild Bickel eine Exotin unter den Fernfahrern.

Bickel gab das Fernfahrerleben von heute auf morgen auf und arbeitete fortan in verschiedenen Haushalten in Liechtenstein. In einem Haushalt verbrachte sie 22 Jahre. „Ich habe die zwei Kinder der Geschäftsleute großgezogen. Beide waren für mich wie eigene Kinder.“ Sie selbst blieb ungewollt kinderlos. „Dabei hätte ich mir so sehr eigene Kinder gewünscht.“

“Eine höhere Macht schaut auf mich. Denn alles, was mir zustößt, geht gut aus.”

Kriemhild Bickel, Autorin

Im Lauf ihres Lebens gewann Bickel die tiefe Überzeugung, „dass eine höhere Macht auf mich schaut“. Denn: „Alles, was mir zustößt, endet gut.“ Im Jahr 2000 wäre sie aufgrund zweier Fisteln im Ohr beinahe im Rollstuhl gelandet. Eine Not-OP verhinderte das Ärgste. „Seither höre ich auf einem Ohr nichts mehr.“ Im Vorjahr wurde bei ihr Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. „Ich dachte nicht, dass was Schlimmes rauskommt.“ Wieder ging sie davon aus, dass alles gut endet. Und dem war auch so. Der Krebs hatte noch nicht gestreut. Dankbar ist sie auch dafür, dass einer ihrer Herzenswünsche in Erfüllung ging. „Meine Mutter ging tatsächlich in meinem Beisein. Sie öffnete noch einmal die Augen und schaute mich lange an. Dann schlief sie für immer ein.“

Ihrer Mutter, die an Alzheimer litt, widmete Bickel ihr drittes Buch: „Forderndes Leben, vergessenes Leben“. In ihrem ersten Buch „Platz ist in der kleinsten Koje“ gibt die Autorin einen wichtigen Teil ihrer Lebensgeschichte preis. Eine weitere Episode aus ihrem Leben erzählt sie in dem Buch „Vom Haustraum mit einigen Albträumen zum Traumhaus“. In ihrem neuesten Buch „Ledigenkinder“ schreibt Bickel über die Mutter einer Freundin und deren harter Kindheit und Jugend. Der Weg zur Autorin begann damit, „dass ich angefangen habe, meine Erlebnisse aufzuschreiben“.  Zum 50. Geburtstag erfüllte sie sich ihren sehnlichsten Wunsch und brachte ihr erstes Buch im Selbstverlag heraus. „Alle, die es lasen, waren begeistert. Deshalb traute ich mich das nächste Buch in Angriff zu nehmen.“     

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