Wie sich Corona auf die Partnerschaft auswirkt

Vorarlberg / 04.04.2020 • 14:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wie sich Corona auf die Partnerschaft auswirkt
Mediatorin Anita Lingg-Wohlgenannt. LINGG-WOHLGENANNT

Mediatorin Anita Lingg-Wohlgenannt über Beziehungen in Coronazeiten.

Dornbirn Anita Lingg-Wohlgenannt ist Mediatorin und Sprecherin der ExpertsGroup Wirtschaftsmediation. Auch ihr Arbeitsalltag hat sich aufgrund der Coronakrise massiv geändert. Lebt die Mediation normalerweise vom persönlichen Gespräch, bietet sie ihr Wissen nun, wie andere Kollegen auch, online an. Mit den VN sprach die Expertin für Paarberatung und Geschwisterkonflikte über Beziehungsarbeit in Coronazeiten.

Viele Menschen müssen aufgrund des Coronavirus zuhause bleiben. Wie beeinflusst das die Situation in einer Partnerschaft?

Im normalen Alltag sind Paare oft wenig zusammen. Da ist es leicht, sich abzulenken oder sich aus dem Weg zu gehen. Durch Homeoffice und Quarantäne geht das jetzt nicht mehr so leicht.

Entstehen dann mehr Konflikte?

Bei Belastung von außen nimmt die Toleranz ab, man reagiert empfindlicher, heftiger. Es geht darum, wie ich mit unterschiedlichen Meinungen oder Eigenheiten des Gegenübers umgehen kann und welche Muster ich in Konfliktsituationen habe.

Welche Streitmuster sollten überdacht werden?

In Zeiten von Corona kann man die altbekannten Streitmuster nicht mehr brauchen. Sie haben oft auch vorher nicht funktioniert. Üblicherweise sind das Ablenkung, dem Gespräch ausweichen, nicht hinhören oder einfach gehen. Jetzt werden mehr Dinge angesprochen, die sonst vielleicht untergegangen wären. Die Nähe macht sensibler, aber auch verletzbarer.

Woher kommen diese Streitmuster?

Streitmuster lernt man sehr früh. Sie werden von den Eltern vorgelebt und von den Kindern unreflektiert übernommen. Es gibt die Harmoniesüchtigen, die keine Diskussion aufkommen lassen, die Flüchter, die gehen, sobald es brenzlig wird, die Rechthaber, die keine andere Meinung dulden, die Schreier und die Gewalttätigen. Ein gutes Streitmuster wäre, einfühlsam zuzuhören, was der Partner sagt und meint, andere Meinungen gelten zu lassen oder zumindest nicht emotional zu werden, neugierig sein auf den Anderen, nicht werten oder urteilen.

Kann man das lernen?

Ja natürlich. Es ist nicht einfach, man braucht Geduld und eine starke Motivation dafür, im Idealfall Liebe. Liebe zum Partner und Verantwortung gegenüber den Kindern. Sie sehen, wie die Eltern miteinander umgehen und das übernehmen sie. In der Mediation löst man nicht nur eigenverantwortlich Konflikte, sondern man lernt auch Gesprächskultur, gut zu streiten mit einem versöhnlichen Ausgang.

Wie kann man die Zeit nun nutzen, um an seiner Beziehung zu arbeiten?

Jetzt ist die beste Zeit, zueinander zu finden oder zu erkennen, dass ein getrenntes Leben für jeden besser wäre. Es gibt wenig Ablenkung von außen und viel räumliche Nähe und Zeit. Am Zueinanderfinden kann man ganz gezielt arbeiten, indem man täglich Paarzeit einbaut. Das heißt, bewusst den Anderen wahrnehmen und für ihn da zu sein. Man muss dabei nicht immer reden, wenn das schwerfällt. Sich sehen, berühren, ist der erste Schritt. Der nächste Schritt ist, das Zuhören zu üben und miteinander zu reden.

Wie sollen Eltern mit streitenden Kindern umgehen?

Gelassen. Kinder müssen lernen und ausprobieren. Wenn Eltern den Druck aus ihrer eigenen Beziehung herausnehmen, gelingt ihnen das auch viel besser. Ergreifen Sie nicht Partei, mischen Sie sich nicht ein, vertrauen Sie auf das, was Sie Ihren Kindern vorleben und achten Sie auf ehrliche Versöhnung.

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