Er hat einen Traktor
Er hat einen Traktor. In Rot und Weiß. Ist etwas älter schon, ein Liebhaberfahrzeug eben. Hat schon dem Papa gehört. Entsprechend andächtig bugsiert er ihn aus der Garage. Noch muss er ihn schieben, weil die Füße nicht an die Pedale reichen. Aber das wächst sich aus.
Mit seinen drei Jahren Lebenserfahrung und der schon ganz bäuerlich in Sorgen gefalteten Stirn dreht der Dreikäsehoch einen imaginären Schlüssel im nicht vorhandenen Zündschloss, und dann spudert er los, als wäre so ein 300-PS-Monster eben zum Leben erwacht. Der Rest ist Dreck und vielleicht ein aufgeschlagenes Knie, wenigstens zwei überfahrene Gänseblümchen und eine beträchtliche Rotzfahne im Kindergesicht und … Glück.
Denn er hat einen Traktor. Gut, andere haben so einen Minisportwagen mit Elektromotor, so etwas soll’s ja geben. Vielleicht sogar mit Servolenkung, wer weiß, wozu die Spielzeugindustrie fähig ist? Er aber hat einen Traktor, zu dessen Anhänger der Opa einen alten Leiterwagen umfunktioniert hat, mit einem gebogenen Drahtstück als Anhängerkupplung. Und Eltern und Großeltern, die ihm vergnügt beim Spielen zuschauen. So gesehen im Bregenzerwald an einem strahlend schönen Sommerabend dieses so übel beleumundeten Jahres 2020.
Thomas Matt
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