Aus Mauern wieder Brücken bauen

Hirtenwort der Bischöfe zu Pfingsten als Beitrag zur gesellschaftspolitischen Diskussion.
schwarzach Wochenlang blieben aufgrund der Coronakrise die Kirchen geschlossen. Danach bestimmten Einschränkungen die Messfeiern. Jetzt, zu Pfingsten, können die Gläubigen aufatmen. Die Regeln wurden weiter gelockert. Bischof Benno Elbs hofft nun, dass aus Mauern schnell wieder Brücken werden.
Wie haben Sie die Öffnung des kirchlichen Lebens empfunden?
Elbs Ich habe es als sehr schön und berührend empfunden, weil ich gemerkt habe, dass viele Leute durch die lange Abstinenz den großen Wunsch hatten, wieder miteinander zu feiern und zu beten.
Könnte dieser Gang durch die Wüste, wie Sie es nennen, für Gläubige ein Ansporn gewesen sein, sich wieder mehr der Kirche zuzuwenden?
Elbs Es ist wie beim Fasten: Wenn man längere Zeit auf etwas verzichtet, wird der Wert dessen, auf das man verzichtet, deutlicher. So ist es auch mit der Religion. Deshalb habe ich mit dem Begriff „systemrelevant“ so meine Probleme, weil er wichtige und weniger wichtige Dinge unterscheidet, wir aber merken, dass im Grund genommen alle in ihrer Art wichtig sind.
Wie haben Sie die Gottesdienste allein in Ihrer Kapelle erlebt?
Elbs Beim ersten Mal war es sehr bedrückend. Dann habe ich mir vorgestellt, dass hinter dem Mikrophon und der Kamera Tausende Menschen sitzen und mitfeiern. Das gab mir ein Gefühl der spirituellen Verbundenheit.
Wissen die Leute noch, welche Bedeutung das Pfingstfest hat?
Elbs Ich denke, den Inhalt von Pfingsten kennen die Leute. Es geht darum, dass wir spüren, dass es in der Welt einen guten Geist braucht, der gerade in einer Krise wichtig ist, und der Geist von Pfingsten ist der Geist, der auch den Jüngern in ihrer ausweglosen Situation Mut und Kraft gegeben hat. Dass wir alle so einen Geist brauchen, weiß, glaube ich, jeder.
Zu Pfingsten hätten auch die Firmungen stattfinden sollen. Wann wird das geschehen, im Herbst?
Elbs Aus heutiger Sicht ja, aber in der Krise braucht es eine Freundschaft mit dem Unplanbaren.
Wird es Prozessionen an Fronleichnam geben?
Elbs Ganz große, wie etwa in Hörbranz und Sulzberg, wurden abgesagt. Ich gehe jedoch davon aus, dass es in anderen Gemeinden Fronleichnamsprozessionen gibt.
Es gibt heuer erstmals ein Hirtenwort der Bischöfe zu Pfingsten.
Elbs Es ist der Versuch eines Beitrags zur gesellschaftspolitischen Diskussion. Das Entscheidende aus meiner Sicht ist, wie es jetzt weitergeht. Persönlich glaube ich, dass wir uns an einer Weggabelung befinden. Die einen möchten schnell wieder zurück in die alte Normalität, doch das ist meines Erachtens unrealistisch. Es erinnert mich ein bisschen an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Manche möchten zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens, aber diese Fleischtöpfe sind eine Sackgasse. Die andere Richtung an der Weggabelung ist Neuland. Für dieses neue Miteinander braucht es bestimmte Grundhaltungen. Diese ins Gespräch zu bringen, ist Sinn der Sache.
Welchen Geist würden Sie sich persönlich und für die Kirche im Land wünschen?
Elbs Empathie ist für mich ein großes Wort, das andere Gelassenheit und Vertrauen. Es wird keine Zukunft ohne Empathie und Nächstenliebe geben. Außerdem braucht es Gelassenheit und Vertrauen, dass das Gute sich durchsetzt. Das ist auch ein christlicher Grundwert.
Glauben Sie, dass sich die Menschen nach der Coronakrise in ihren Bedürfnissen zurücknehmen?
Elbs Das hoffe ich sehr, denn alles andere wäre eine Rückkehr zu den Fleischtöpfen Ägyptens und damit in eine Sackgasse. Es braucht eine ökosoziale Marktwirtschaft und eine intelligente Reduktion, wie der Club of Rome schon vor Langem sagte. Ich bin diesbezüglich optimistisch, es erfordert jedoch Anstrengungen auf diesem neuen Weg. Daran zu erinnern ist auch eine Aufgabe und ein Auftrag der Kirche. Ich habe aber das Vertrauen, dass in jedem Menschen der Geist Gottes wohnt, und dass jeder diesen Geist in sich entdeckt, wenn er über das Leben, die Welt und das Miteinander nachdenkt.
„Ich habe mir vorgestellt, dass hinter der Kamera Tausende Menschen mitfeiern.“