Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Österreichische Ampelmännchen

Vorarlberg / 04.09.2020 • 18:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Ampelidee an sich ist ja großartig: klar, nachvollziehbar – und für den Bürger einfach zu verstehen und zu verfolgen. Frankreich fährt schon lange mit Ampelsystemen. Bei Terroralarmstufen, bei Waldbrandgefahr, bei Zucker in Lebensmitteln, auch von Anfang an bei Corona. Überall Ampeln. Und vor allem bei Corona ist Frankreich auch ein mahnendes Beispiel, dass eine Ampel allein noch kein Allheilmittel ist.

In Österreich gibt es freilich eine österreichische Ampelversion, voller Kompromisse. Wie viele Ampelfarben gibt es? “Komm, lass uns vier Ampelfarben machen, wir nennen es trotzdem Ampel”, werden sie im Gesundheitsministerium irgendwann gesagt haben. Wie lange können wir uns Zeit lassen? “Wir präsentieren mal Anfang Juli, es reicht dann, wenn’s im September startet.” Nachfrage: Sollen wir die gesetzlichen Grundlagen bis dahin auch fertig haben? “Nein, es reicht natürlich, wenn das einen Monat später nachgereicht wird.” Eine österreichische Ampel also, durch und durch. So verbindlich war dann auch der Start: Der Linzer Bürgermeister ist empört, dass seine Stadt plötzlich gelb sein soll. Natürlich plant er keine Verschärfungen, bloß weil in Wien jemand meint, Linz sei jetzt gelb. Und tatsächlich muss Gelb in Wien oder Kufstein nicht dasselbe heißen wie in Linz oder Bregenz. Denn Unterschiede bei der Auslegung sind möglich und zu erwarten. Vorarlberg startet, wie in den VN bereits berichtet, in allen Bezirken mit grüner Ampelfarbe. Das ist auch das Ergebnis der Testläufe der vergangenen Wochen. Für Vorarlberg sitzt Public-Health-Experte Armin Fidler, der seit März die Landesregierung berät und mit zahlreichen Fachbeiträgen in den VN und Podcasts auf VN.at den Menschen im Land Antworten auf Coronafragen gab, im Ampelgremium. So lange man die Fälle nachverfolgen kann, sollte die Ampel lange grün bleiben, auch wenn die absoluten Zahlen steigen. Davon geht die Vorarlberger Landesregierung jedenfalls aus.

Die Auslegung der Ampelfarben wird noch viele Fragen aufwerfen. Läuft es wie diese Woche, dürften weitere geschätzt 23 wichtige Pressekonferenzen der türkis-grünen Regierungsvertreter nötig sein. Erinnern Sie sich an die verhältnismäßig ominös angekündigte Mittwochspressekonferenz “Es wird Einschränkungen geben”? Das sagte der Kanzler im ORF-Sommergespräch am Montagabend und deutete es auch in zig Zeitungsinterviews an. Am Mittwoch dann doch keine Einschränkungen, sondern eine eher allgemeine Mahnung zur Vorsicht bei Weihnachtsfeiern. Gesundheitsminister Rudolf Anschober schob einen Tag früher noch eine vage “Man wird im Jänner vielleicht impfen können”-Pressekonferenz ein, ohne ÖVP. Manchmal wäre es für Journalisten, vielleicht auch für alle Bürger hilfreich, eine Ampel über die innerkoalitionäre Stimmung zu haben. Die wäre derzeit jedenfalls nicht durchwegs auf Grün.
Bis Ende September soll die Coronaampel dann auch eine gesetzliche Grundlage bekommen. Bis dahin ist sie wohl eher als Empfehlung zu verstehen. Das scheint überhaupt die neue Herbstmode zu sein. Nicht mehr Angst, sondern betont Hoffnung zu machen. Nicht mehr zu viel zu verbieten und später nachbessern müssen.

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.