An der Kippe zur Katastrophenmedizin

Vorarlberg / 13.11.2020 • 19:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Jakob Köb ist Pfleger auf der Intensivstation im Krankenhaus Dornbirn.
Jakob Köb ist Pfleger auf der Intensivstation im Krankenhaus Dornbirn.

In den Krankenhäusern spitzt sich die Situation immer mehr zu.

Dornbirn Von der Individualmedizin zur Katastrophenmedizin: Dieser Weg ist in Anbetracht der unaufhaltsam steigenden Infektionszahlen kein weiter mehr. Die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich zu, das System steht auf der Kippe. Ein einziges größeres Ereignis abseits von Covid könnte die Versorgung bereits am Wochenende ins Wanken bringen. Die Aussagen, die Spitalsverantwortliche, Intensivmediziner und Intensivpfleger am Freitag bei einem Pressegespräch tätigten, waren schonungslos offen. Der Geschäftsführer der Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG), Gerald Fleisch, sprach von dunklen Wolken über den Spitälern und davon, dass die Hospitalisierungen ein untrüglicher Indikator für die Dramatik dieser Coronaphase seien. „Oft ist schon Verzweiflung da“, beschrieb er die Stimmung auf den Intensivstationen.

Nur noch Notfallmedizin

Dazu kommt, dass immer mehr Personal wegen Covid ausfällt. Inzwischen sind es knapp 220 Mitarbeitende. Als Folge davon wurden Abteilungen gesperrt. Das OP-Programm ist bereits ausgedünnt. „Wir werden uns ausschließlich auf Notfallmedizin und die Versorgung von Covidpatienten konzentrieren“, kündigte Gerald Fleisch an und wurde noch deutlicher: „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Bevölkerung nicht mehr davon ausgehen kann, dass sie beispielsweise nach einem Unfall in gewohnter Qualität behandelt werden kann.“ Noch mag sich allerdings niemand vorstellen, Überlebenswahrscheinlichkeiten gegeneinander abwägen zu müssen, doch genau darauf bereiten sich die Gesundheitseinrichtungen schon vor. „Das trifft dann nicht nur Covidpatienten, sondern auch Menschen mit anderen schweren Erkrankungen“, stellte Oberarzt Wolfgang List, Koordinator für die Behandlung von Coronapatienten, klar. Derzeit werden auf den Intensivstationen 35 Covidpatienten im Alter von 70 bis 73 Jahren behandelt, 20 von ihnen benötigen eine Beatmung. Elf Intensivbetten sind von Nicht-Covidpatienten belegt. Unlängst erfolgte eine Aufstockung der Intensivkapazitäten von 51 auf 63. Es gäbe weitere Reserven, doch jedes Bett braucht auch qualifiziertes Personal. Deshalb müsse hier langsam vorgegangen werden.

Hochbelastetes Personal

Die lange Liegedauer von Covidinfizierten fordert die Intensivkapazitäten zusätzlich. Wolfgang List gibt sie mit rund drei Wochen an. In Einzelfällen waren es aber auch schon bis zu 50 Tage. Zum Vergleich: Nicht-Covid-Intensivpatienten haben eine Verweildauer von fünf bis sieben Tagen. Herausfordernd ist die Arbeit auch für das Pflegepersonal. Jakob Köb, Pfleger auf der Intensivstation am Krankenhaus Dornbirn, muss tagtäglich mit den physischen und psychischen Belastungen umgehen. Stundenlang in dicker Schutzkleidung unterwegs, das hinterlasse Spuren. Die Pflege von Covidpatienten gestalte sich auch deutlich aufwendiger. Doch vieles, was im Normalfall dazu beiträgt, Vertrauen zu schaffen und Ängste abzubauen, fällt weg. Köb: „Speziell ältere Menschen sind beunruhigt und haben Angst, wenn sie uns so vermummt vor sich haben.“ Dabei ist für Patienten, die nicht im künstlichen Tiefschlaf sind, das Pflegepersonal der einzige zwischenmenschliche Kontakt in dieser schweren Zeit.

„Wir werden uns nur noch auf Notfallmedizin und Covidpatienten konzentrieren.“

Intensivmediziner und Covidbetten-Koordinator Wolfgang List brachte Anschauungsmaterialien in Form von Maske und Beatmungsschlauch mit. vn/steurer
Intensivmediziner und Covidbetten-Koordinator Wolfgang List brachte Anschauungsmaterialien in Form von Maske und Beatmungsschlauch mit. vn/steurer
An der Kippe zur Katastrophenmedizin

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