Wenn jede Minute zählt

Vorarlberg / 13.04.2021 • 17:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Alle zwei Monate gibt es zusätzlich zur normalen Schulung der Bergretter eine Fortbildung für die First Responder, bei der sie ihr Wissen in Theorie und Praxis auffrischen können. Hier üben Rene Wetzlinser und Benjamin Bickel die Reanimation. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Alle zwei Monate gibt es zusätzlich zur normalen Schulung der Bergretter eine Fortbildung für die First Responder, bei der sie ihr Wissen in Theorie und Praxis auffrischen können. Hier üben Rene Wetzlinser und Benjamin Bickel die Reanimation. VN/JUN

In abgelegeneren Ortschaften wie Raggal sind First Responder die Ersten an der Unfallstelle.

Raggal Wenn ein Unfall wie Ende März passiert, bei dem ein Auto und ein Transporter auf der Raggaler Straße (L88) ineinander gekracht sind und dabei vier Personen verletzt wurden, sind die First Responder als Erste zur Stelle. In diesen ersten Minuten versorgen die Ersthelfer die Verletzten durch Erste-Hilfe-Maßnahmen und überbrücken somit die Zeit bis zum Eintreffen der weiteren Einsatzkräfte. Und gerade diese ersten Minuten sind mitunter entscheidend über Leben und Tod eines Verunfallten.

Schnelle Erstversorgung

Zu den abgelegeneren Regionen und Ortschaften wie Großes Walsertal, Brandnertal, Klostertal oder Damüls brauchen die Einsatzkräfte schon mal bis zu 45 Minuten. Zudem verzögert sich ihre Ankunft zusätzlich bei widrigen Wetterverhältnissen. Deshalb sind sogenannte First Responder in abgelegenen Gebieten so wichtig, damit die Erstversorgung innerhalb kurzer Zeit gewährleistet werden kann. Seitdem die Rettungswache des Rotkreuzes in Sonntag nur noch tagsüber besetzt ist, entschied man sich 2014, eine First-Responder-Stelle auch in Raggal einzurichten. Zuerst war die Idee, nur nachts auszurücken, eben in der Zeit, in der die Rettungswache nicht besetzt ist und weniger Rettungswagen zur Verfügung stehen, doch jetzt sind die First Responder in ihrem Einsatzgebiet in Raggal und Ludescherberg im Auftrag des Roten Kreuzes immer erreichbar. Wenn ein Notruf in einem durch Straßen zugänglichen Wohngebiet getätigt wird, sind im Großen Walsertal, Brandnertal und im Klostertal insgesamt 50 First Responder der Rotkreuz-Abteilung Bludenz–St. Gallenkirch–Sonntag ständig abrufbereit.

Als ein Notruf von Ludescherberg aus einging, waren die Raggaler First Responder innerhalb von acht Minuten da und haben 38 Minuten lang den Patienten reanimiert, bis der Notarzt eintraf. Bis jetzt konnten die Raggaler einem Menschen durch Reanimation das Leben retten. Das Besondere: Diese Person trug keine Folgeschäden davon, obwohl sie dreimal mit einem Defibrillator reanimiert werden musste – ein „Erfolgserlebnis“, wie der 24-jährige Benjamin Bickel, der seit fünf Jahren First Responder ist, stolz berichtet.

„Durch die schnelle Erstversorgung entsteht ein gutes Gefühl im Ort.“

Bernhard Bickel, Ortsstellenleiter Bergrettung Raggal

Ein gutes Gefühl im Ort

Zu 30 bis 40 Einsätzen werden die Raggaler First Responder im Jahr gerufen. „Durch die schnelle Erstversorgung entsteht ein gutes Gefühl im Ort“, sagt Bernhard Bickel, Ortsstellenleiter der Bergrettung Raggal. Die First Responder rücken nicht nur zu Unfällen aus, denn ein Großteil der Einsätze spielt sich im häuslichen Bereich ab. Jedoch sind solche Einsätze, bei denen jemand zum Beispiel einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleidet, aufgrund des nahen Verhältnisses zu dieser Person nicht immer einfach. „Raggal hat 860 Einwohner. Man kennt jeden hier“, sagt Bernhard Bickel, der von Anfang an als First Responder tätig ist. Auch eine Geburt war schon dabei, die Andrea Burtscher, ausgebildete Diplomkrankenschwester und bis vor Kurzem noch in der First-Responder-Gruppe aktiv, damals begleiten durfte. Alle zwei Monate gibt es zusätzlich zur normalen, monatlichen Ausbildung der Bergrettungsmannschaft eine Schulung für die First Responder, um Praxis und Theorie aufzufrischen.

In Raggal gibt es derzeit fünf First Responder. In der Regel zählt die Gruppe, bestehend aus Rotkreuzlern und Bergrettern mit Sanitätsausbildung, zwischen fünf und acht Personen. Grundsätzlich arbeiten die Bergretter und die Feuerwehrler, die sich im gleichen Haus befinden, eng zusammen. Zu den Rotkreuzeinsätzen dürfen die First Responder sogar mit dem Mannschaftsfahrzeug der Feuerwehr ausrücken. Somit sind alle drei Rettungsorganisationen (Feuerwehr, Bergrettung und Rotes Kreuz) unter einem Dach. „Das ist zum Nachahmen prädestiniert“, sagt Ortsstellenleiter Bickel begeistert. VN-JUN