Birgit Entner-Gerhold

Kommentar

Birgit Entner-Gerhold

Das Mastermind am Zug

Vorarlberg / 07.06.2021 • 22:35 Uhr

Es steigt weißer Rauch im blauen Hause auf. Nach tagelangen Rangeleien hat Herbert Kickl das erreicht, was er wollte: Das Parteipräsidium designierte ihn zum künftigen Parteichef. Der Klubobmann steht nun an der Spitze einer FPÖ, die wieder in alte Fahrbahnen zurückkurven könnte. Mit ihm bewegen sich die Freiheitlichen in Richtung Fundamentalopposition, zumindest wird die FPÖ vor allem versuchen, ihre Chancen bei vergraulten Nicht- und Protestwählern zu erhöhen. Denn viele der an die ÖVP abhanden gekommenen Stimmen bleiben vorerst laut den aktuellen Umfragewerten noch verloren.

Lehrmeister Jörg Haider

Die jüngste Vergangenheit macht Kickl aber am liebsten vergessen. Heinz-Christian Strache erwähnt er am Montag bei seiner Antrittspressekonferenz nicht, gleichzeitig aber preist Kickl Jörg Haider als hervorragenden Lehrmeister an. Das sagt einiges über den künftigen Kurs, denn Haider und Kickl vereint vor allem eines: Beide wurden als Scharfmacher bekannt.

Kickl ist Sinnbild für den Status quo der Freiheitlichen. Er ist das Mastermind der Partei. Er ist der, der seit Jahren im Hintergrund die Fäden zieht. Langsam, aber doch scheint er auch Gefallen an der großen Bühne gefunden zu haben und jetzt seine Erfüllung in der Obmannschaft. Nur etwas galanter hätte er dorthin kommen können. Wobei … Sein nunmehriger Weg an die Parteispitze ist irgendwie authentischer.

Keine Geduld

Um die Geschichte anders zu schreiben, hätte Kickl Geduld gebraucht. Norbert Hofer wäre nicht ewig geblieben. So ist allseits bekannt, dass er für seinen Posten als Dritter Nationalratspräsident brennt und dafür angesehen ist. Bei einem entsprechenden Erfolg nach den nächsten Nationalratswahlen (planmäßig 2024) hätte er ihn sicher gerne behalten. Eine ausgleichende Ader ist hier wichtig, angriffige Rhetorik eher fehl am Platz. Für einen sich im Wahlkampf befindenden FPÖ-Chef wäre das schwierig geworden.

Hofer hätte noch früher zurücktreten können, nämlich 2022, sollte er sich nochmals ins Rennen um die Hofburg wagen. Bislang ließ er seine Entscheidung offen. Als Chef einer Oppositionspartei wäre ein erneuter Versuch, Bundespräsident zu werden, aber nahezu unmöglich. Nur die wenigsten wünschen sich einen Scharfmacher in der Hofburg. Das haben die Wähler bei der vergangenen Wahl eindrucksvoll bewiesen. Am Ende wollte sich die Mehrheit dann doch nicht wundern, was alles möglich sein wird. Hofer scheiterte zuerst knapp, bei der Wahlwiederholung dann deutlicher.

Eine kluge Übergangslösung

Unterm Strich war es also offensichtlich, dass die blaue Doppelspitze nicht ewig bestehen wird. Für die Zeit nach der Ibiza- und Spesenaffäre des einstigen Obmanns Heinz-Christian Strache war das Bündnis Hofer-Kickl aber eine kluge Lösung zur Wahrung der Parteieinheit. Hofer steht für den bürgerlich-konservativen Flügel, Kickl spricht vor allem Enttäuschte, Protestwähler und den äußeren rechten Sektor besser an. Er präsentiert die FPÖ als die Partei für jene, die von „sterilen Technokraten“ genug haben, wie er am Montag mit Blick auf die türkise ÖVP erklärt.

Regierungsverantwortung schließt Kickl übrigens nicht aus. Vor allem aber geht es ihm um Konfrontation. Das macht er am ersten Tag seiner designierten Obmannschaft deutlich. Kickl kündigt in fast alle Richtungen harte Auseinandersetzungen an.

„Kickl geht es vor allem um Konfrontation. Das macht er am ersten Tag seiner designierten Obmannschaft deutlich.“

Birgit Entner-­Gerhold

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