“Wir hätten mehr Lehrer gehabt”

Vorarlberg / 11.07.2021 • 20:04 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Volksschuldirektor Christoph Wund macht sich sehr viele Gedanken über Entwicklungen in der Schule. VN/Paulitsch
Volksschuldirektor Christoph Wund macht sich sehr viele Gedanken über Entwicklungen in der Schule. VN/Paulitsch

Zentrale Vorgaben haben Kollegen von der Sommerschule abgeschreckt, meint VS-Direktor.

Schwarzach Christoph Wund (58) leitet seit elf Jahren die Volksschule Lustenau Kirchdorf. Jene Bildungsstätte, die durch den Kampf einer Lehrerinnengruppe gegen den Zwang zur Ziffernnote österreichweit für Schlagzeilen sorgte. Wund selbst macht sich intensiv Gedanken über Lehrermangel, Sommerschule, Coronafolgen und andere Herausforderungen.

 

Wie gerne sind Sie in Zeiten wie diesen Volksschuldirektor?

Wund Hätten Sie mir diese Frage vor zwei Jahren gestellt hätte ich geantwortet: Gerne, und ich arbeite, bis ich 65 bin. Vor kurzer Zeit habe ich mich beim Land über die Möglichkeit einer früheren Pensionierung erkundigt. Ich könnte am 1. September 2025 in Rente gehen. Das sagt wohl sehr viel aus.

 

Werden Sie konkret.

Wund Natürlich hat Corona vieles nicht zum Positiven verändert. Viel von der guten alten Kommunikation ist da auf der Strecke geblieben. Online-Konferenzen statt Dialog. Das hatte nicht dieselbe Qualität. Kommt hinzu, dass wir noch gar nicht abschätzen können, welche Langzeitfolgen Corona mit sich bringen wird. Wir müssen mit einem großen Personalmangel zurechtkommen. Es gibt einfach zu wenig Lehrer. All diese und andere Faktoren sind sehr belastend.

 

Was war während Corona die größte Herausforderung für die Schulleiter?

Wund Es gab keine größte Herausforderung. Es ist die Summe der Dinge, die allen das sehr viel abverlangt hat. Die gesetzten Maßnahmen wurden zudem immer sehr kurzfristig verordnet, man musste sich von einem Tag auf den anderen darauf einstellen. Corona wurde zum Brennglas der Probleme an den Schulen.

 

Schuldirektoren hatten früher in kleinen Kommunen viel Prestige. Sie zählten neben Bürgermeister, Pfarrer und Postenkommandant zu den Lichtgestalten der Gemeinschaft. Warum ist das alles so ganz anders geworden?

Wund Weder Bürgermeister noch Polizist noch Pfarrer haben jene gesellschaftliche Stellung, die sie früher hatten. Das ist beim Schuldirektor nicht anders. Ich für mich kann aber eines sagen: Ich fühle sehr viel Wertschätzung für meine Arbeit. Von Eltern genauso wie von den Kolleginnen. Das ist es, was für mich zählt. Weil für uns eines wirklich wichtig ist: die Kinder. Deswegen muss man Eltern verstehen, wenn sie einmal nicht vernünftig sind und emotional werden. Sie tun das, weil

 

Warum ist es so schwer geworden Direktorinnen und Direktoren zu finden?

Wund Dafür gibt es einige Gründe: der immer größer werdende Arbeitsumfang, die nicht adäquate Bezahlung der Leiterposition, die schwieriger werdenden Begleitumstände. Dazu zählt vor allem auch die prekäre Personalsituation. Hast du weniger Lehrer, werden Klassen größer und die Qualität geringer. Schule ist Beziehungsarbeit. Je weniger Zeit Pädagogen für das einzelne Kind haben, desto weniger ist Beziehung möglich. Diese braucht es vor allem auch deswegen notwendiger denn je, weil wir es mit viel mehr Kindern zu tun haben, die besonders herausfordernd sind.

 

Welche Ideen zur Lösung der Personalsituation hätten Sie?

Wund Wir werden uns in puncto Qualifikation breiter aufstellen müssen. Wir müssen uns um Personen bemühen, die nachweislich über Kompetenzen verfügen, die wir in der Schule gut brauchen können – auch wenn sie über keine Lehrerausbildung verfügen. Das würde gewiss auch dem ganzen System wohl tun. Diesbezüglich gibt es noch sehr viel Luft nach oben. Für das wie auch für alle anderen Herausforderung im Schulsystem gilt: Wir brauchen einen großen gemeinsamen Schulterschluss, um Probleme zu lösen. Wir müssen zusammenhalten.

 

Sollte das österreichische Schulsystem nicht grundsätzlich mehr regionale Autonomie haben dürfen?

Wund Die großen Leitlinien gehören bundesweit vorgegeben. Innerhalb derer könnte es sehr wohl mehr regionale Spielräume geben.

 

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum für die Sommerschule offensichtlich viel zu wenig Lehrer gefunden werden?

Wund Da möchte ich auf den überbordenden Zentralismus verweisen. Wir mussten im vergangenen Jahr bei der Sommerschule aufgrund des zeitlichen Drucks autonome Lösungen an den Standorten finden. Das hat gut geklappt. Und heuer? Da sind wir mit strengen Vorgaben vom Ministerium konfrontiert, die keine flexiblen Lösungen zulassen. Konkret: Letztes Jahr haben wir für die angemeldeten Schüler einen Unterricht auch deswegen garantieren können, weil wir die Lehrer flexibel und zeitlich begrenzt einsetzen konnten. Heuer wird von Wien vorgeschrieben, dass nur Lehrer an der Sommerschule unterrichten können, die sich die ganzen zwei Wochen zur Verfügung stellen. Genau deswegen haben viele Kollegen, die sonst dabei gewesen wären, abgesagt. Die Bildungsdirektion kann für diese Umstände nichts.

„Wir brauchen einen großen gemeinsamen Schulterschluss, um die Probleme zu lösen.“

Zur Person

Christoph Wund ist seit 35 Jahren Lehrer und seit elf Jahren Direktor an der Volksschule Lustenau Kirchdorf. Er ist 58 Jahre alt. Wund wohnt in Klaus, ist verheiratet und hat zwei Kinder.