Der Covid-Tod als Mitbewohner

Vorarlberg / 21.11.2021 • 18:23 Uhr
Die nicht enden wollende Pandemie fordert auch Susanne Dertinger und die Teams der Pathologie jeden Tag aufs Neue heraus. KHBG
Die nicht enden wollende Pandemie fordert auch Susanne Dertinger und die Teams der Pathologie jeden Tag aufs Neue heraus. KHBG

Die Pathologin redet auch einem Selbstbehalt für Impfunwillige das Wort.

Feldkirch Die vierte Pandemiewelle wütet im Land, und das macht viele wütend, auch die leitende Oberärztin für Pathologie im LKH Feldkirch, Susanne Dertinger. Leidenschaftlich setzt sie sich für die Impfung und den Schutz von Kindern ein und fordert von der Politik radikale Statements mit klaren Vorteilen für Geimpfte.

 

Sie bezeichnen die neuen Verordnungen als falsches politisches Signal.

Dertinger Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft. Sie werden nicht nur durch die Pandemie, sondern auch durch die Aktualität der Klima- und Flüchtlingskatastrophen emotional schwer belastet. Das Covid-19-Virus wird mit Sicherheit nicht mehr verschwinden, wir werden lernen müssen damit zu leben. Die meisten Kinder werden die Infektionen großteils ohne nennenswerte Symptome überstehen. Wir sollten ihnen daher ihr Leben, einen Teil der Unbeschwertheit, der Normalität zurückgeben.

 

Wie kann das gelingen?

Dertinger Das gelingt nur, wenn alle Erwachsenen sich impfen lassen. Viele Jugendliche sind bereits geimpft und haben damit Verantwortung für die Erwachsenen übernommen. Trotzdem haben sie jetzt keinerlei Vorteil dadurch. Das ist das falsche politische Signal.

Was verlangen Sie von der Politik?

Dertinger Ich wünsche mir eine Coronapolitik, die klare, medizinisch und gesellschaftlich sinnvolle Ziele verfolgt und radikale Statements setzt mit klaren Vorteilen für Geimpfte.

 

Sind Sie für eine Kinderimpfung?

Dertinger Wir sollten die Kinder wirklich nicht mehr ständig mit dem Thema Covid belasten. Mit einer generellen Impfung der Erwachsenen würden wir die Brisanz der Pandemie entschärfen und Lockdowns sowie Schuleinschränkungen vermeiden. Kinder zu impfen würde die Frequenz der Virusübertragungen signifikant reduzieren und damit die Pandemiesituation weiter entspannen.

 

Sie sagen auch, dass Solidarität erst dann entstehen wird, wenn jeder Haushalt einen Covid-Sterbenden verabschieden und die Angst miterleben musste. Braucht es diese Zuspitzung?

Dertinger Meiner Meinung nach hat jeder in diesem Staat eine Verpflichtung, insbesondere das Gesundheitssystem nicht unnötig zu strapazieren. Nur dann können wir den Kranken immer eine adäquate Diagnostik und Therapie zeitnah anbieten. Leider funktioniert der Appell an die Mitverantwortung offenbar nicht, wohl aber ist Angst ein treibender Motor. Wenn der Covid-Tod ein „Mitbewohner“ im Haushalt wird, wenn Ungeimpfte damit konfrontiert werden, dass sie einen älteren Angehörigen mit Covid-19 infiziert haben und dieser alleine auf der Intensivstation an einem Lungenversagen sterben musste, dann wird sich vielleicht etwas ändern.

Was hindert Menschen immer noch daran, sich impfen zu lassen?

Dertinger Ein Grund dafür ist Unwissen, fehlendes Vertrauen in die Politik und die Medien. Viele gepushte Falsch-Informationen sind vor allem für medizinische Laien kaum mehr von fundierten wissenschaftlichen Daten zu unterscheiden. Im öffentlichen Gedächtnis der breiten Masse bleiben die Negativ-Schlagzeilen, nie das Positive, das ist nicht spektakulär. Die Impfung ist nicht dazu da, unserer Gesellschaft die Freiheit zu nehmen, sondern sie ihr zurückzugeben.

 

Sie vertreten die Ansicht, dass ungerechtfertigt Ungeimpfte wie in Singapur bei jedem Spitalsbesuch einen Selbstbehalt zahlen sollen. Würde das nicht zu weiteren Spaltungen führen?

Dertinger Die Spaltung ist schon da, die Geimpften fragen sich, warum sie mit ihren Steuergeldern die ständigen Tests und vermeidbaren Krankenstände, Behandlungen und Komplikationen von Ungeimpft-Covid-Erkrankten mittragen sollen, wo doch die Impfung ein günstiges und nachweisbar probates Mittel ist, diese schweren Verläufe zu verhindern. Auch frage ich mich, wie die verantwortlichen Mediziner damit fertig werden, wenn ein schwer verletzter Jugendlicher sterben muss, weil kein Intensivbett mehr frei ist, da diese von ungeimpften Covid-Kranken belegt werden. In jedem Falle ist das Verlangen eines Selbstbehalts dazu geeignet, wirklich alle Klassen der Bevölkerung zu treffen, mehr zumindest als die Vorgabe von 2G fürs Skifahren.

 

Sie haben unlängst mit dem Pflegepersonal der Covid-Intensivstation im Landeskrankenhaus Feldkirch gesprochen. Wie stellt sich die Situation dort dar?

Dertinger Das Personal auf den Covidstationen macht keinen Unterschied, ob geimpft oder nicht, der Patient und sein Leiden stehen im Mittelpunkt. Aber eine sterbende alte Dame zu begleiten, in voller Schutzmontur, der Sterbenden mit behandschuhten Händen zumindest ein wenig das Gefühl von Nähe zu geben, nicht allein zu sein, das ist schon unglaublich belastend, denn eigentlich sollten da Angehörige sitzen. Diese aber sind möglicherweise alle in Quarantäne, weil sie sich nicht impfen lassen wollten. Das verstört dann durchaus. Auch die rein körperliche Belastung durch das Tragen der Schutzanzüge ist enorm hoch. 

„Die Impfung ist dazu da, unserer Gesellschaft die Freiheit zurück­zugeben.“

Zur Person

Dr. Susanne Dertinger

Leitende Oberärztin für Pathologie am LKH Feldkirch

Geboren 1967

Laufbahn Lebt seit 1995 in Vorarlberg, seit 1996 im LKH Feldkirch beschäftigt. Zuvor an der Universität Erlangen-Nürnberg tätig (1993-1995)

Familie 2 Kinder, eines davon ebenfalls Ärztin (Schweiz), das zweite steht derzeit vor der Matura