Was sonst noch geschah
Der Mann schlägt den Jahresrückblick auf und lässt die Zeitung sinken. Das ist höchst ungehörig, die Redaktion gab sich solche Mühe! Aber er will nicht. Will mit diesem Jahr nichts mehr zu tun haben. Man kann es ihm nicht verargen. Denn in der Zeitung stehen ja meist Dinge von übergeordneter Bedeutung: Revolutionen und Kriege, Seuchen und Naturkatastrophen, all so was halt.
Was aber, wenn das bedruckte Papier statt dem Zeitungstitel seinen Namen trüge? Wenn es seine höchst persönliche Ausgabe wäre? Gut, der aktuelle politische Teil – „mich heute über die Steuern geärgert“ – bliebe überschaubar. Aber der Jahresrückblick sähe doch anders aus.
Da müsste dann der Vollständigkeit halber auch geschrieben stehen: Am 3. Jänner sich herzlich vor Lachen ausgeschüttet, am 7., 9. und 13. Februar (und an 57 anderen Tagen auch) Glück im Augenblick empfunden. Am 29. August gestritten, sich am 30. versöhnt. Am 1. September geschwiegen, eine volle halbe Stunde lang. Am 5. September bei einem Film heimlich geweint, am 9. selber Musik gemacht. 10. Oktober: Lange Nacht. 11. Oktober: Kopfschmerzen. 13 Bücher gelesen, 287 Mal seine Frau geküsst (drei Küsse lassen sich nicht mehr eindeutig zuordnen). Solche Dinge müssten da stehen in so einem höchst persönlichen Jahresrückblick. Und kein Wort von Corona? Natürlich, das auch. Aber er würde es womöglich überlesen, weil ja viel amüsanter ist, was sonst noch geschah.
Thomas Matt
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