Ohne Vorarlberg wäre Österreich keine atomfreie Zone

Vorarlberg / 04.01.2022 • 18:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Konrad Lorenz in Bregenz. Der Verhaltensforscher engagierte sich gegen Zwentendorf.
Konrad Lorenz in Bregenz. Der Verhaltensforscher engagierte sich gegen Zwentendorf.

Die Atomkraft setzt in Europa zur Offensive an. In Österreich, und speziell in Vorarlberg, hatte sie keine Chance.

BREGENZ Für inbrünstige Gegner der Atomkraft zählt der frühe Abend des 5. November 1978 immer noch zu den glücklichsten Momenten ihres Lebens. Als im Fernsehen das Ergebnis der Volksabstimmung über das Atomkraftwerk Zwentendorf verkündet wurde: 49,5 Prozent ja, 50,5 Prozent nein. Den Ausschlag gab Vorarlberg. Bei uns sagten damals 85 Prozent der Stimmbürger nein zum nuklearen Experiment.

Start für erneuerbare Energie

„Ich war damals im alten Spielboden in Dornbirn und werde diese Stunde nie mehr vergessen“, erlaubt sich auch der sonst so nüchterne und sachbezogene ehemalige Chemieprofessor Willi Sieber (72) Emotionen. Die emotionslose Reflexion dieses Ereignisses sieht für ihn auch fast 44 Jahre später so aus: „Das Aus für Zwentendorf war der Anfang der erneuerbaren Energien. Zwentendorf und das danach war auch ein Zeichen reifer politischer Kultur. Denn: Schon einen Monat später kam das Atomsperrgesetz. Und im März 1979 gewann Atombefürworter Bruno Kreisky mit absoluter Mehrheit die Nationalratswahl. Das Wahlvolk konnte sehr differenziert Entscheidungen treffen.“ Für Sieber ist die derzeitige Entwicklung mit der zu erwartenden Anerkennung der Atomkraft als klimafreundliche Energie deprimierend. „Statt in Atomkraftwerke, die erst in vielen Jahren benutzbar wären, zu investieren, könnte man das sofort in erneuerbare Energien tun.“

Zwentendorf als Symbol des Neins zur Atomkraft in Österreich wurde im westlichsten Bundesland schon mehrere Jahre zuvor entsprechend aufbereitet. Da hatte man bezüglich Bürgerprotest auch schon einige Übung. Nach dem „Schiffstaufe-Aufstand“ in Fußach ging es 1964 zum ersten Mal gegen die Atomkraft. Im schweizerischen Rüthi wollte man ein Atomkraftwerk bauen. Es kam zum grenzüberschreitenden Widerstand mit starker Vorarlberger Beteiligung. Und siehe da: Die Widerständler triumphierten, Rüthi wurde nicht gebaut.

„Aufgewärmt“

Das „Aufwärmen“ sollte sich rentieren. Als Zwentendorf langsam seine Schatten vorauswar, formierte sich speziell in Vorarlberg schon wieder massiver Widerstand. Unvergesslich bleibt für die Antiatomkraft-Ikone Hildegard Breiner (85) vor allem ein besonderes Erlebnis am 24. November 1976. „Es war bei einer Werbeveranstaltung der Atomkraft-Lobby, als sich im Feldkircher Stadtsaal eine Reihe von hohen Herren aus der Energiewirtschaft einfanden. Sie wollten uns die Segnungen der Atomkraft darlegen.“ Doch die Vorarlberger Gegner waren gewappnet. Inhaltlich und rhetorisch im Vorfeld geschult, hielten sie bei der Veranstaltung auch argumentativ dagegen. Was einen der Podiumsteilnehmer in Richtung Breiner zu folgendem Spruch verleitete: „‚Na, Gnä‘ Frau, wollens die Wäsch‘ wieder am Bach waschen?“ „Noch heute kränkt mich diese Arroganz“, räumt die Grande Dame der Anti-Atomkraftbewegung ein.

Es lohnte sich

Musikalisches Protestfutter lieferte Ulrich „Gaul“ Gabriel mit seinem Lied „As git Lüt“, während Breiner und ihr Mann Franzviktor zusammen mit der Wiener Hochschülerschaft gegen Zwentendorf mobil machten.

Aber auch Konrad Lorenz mit einem Besuch in Bregenz und Vorarlberger Ärzte in Wien bei einer großen Protestkundgebung setzten markante Zeichen des Protests.

Am Ende zahlten sich die Anstrengungen aus.

„Die Zeit um die Volksabstimmung in Zwentendorf war eine mit reifer politischer Kultur.“

Das Atomkraftwerk Zwentendorf war fertig gebaut, in Betrieb ging es nie. APA
Das Atomkraftwerk Zwentendorf war fertig gebaut, in Betrieb ging es nie. APA

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