„Und gib meinem Kind den Einser“

Vorarlberg / 20.01.2022 • 18:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Johanna Aschbacher setzt auf gestandene Kolleginnen und Kollegen.
Johanna Aschbacher setzt auf gestandene Kolleginnen und Kollegen.

Lehrerinnen und Lehrer der vierten Klasse Volksschule werden nicht selten unter Druck gesetzt.

BREGENZ Es ist alle Jahre dasselbe. Das Halbjahreszeugnis der Viertklässler in der Volksschule steht im Brennpunkt. Es ist das Ticket fürs Gymnasium – oder das große Hindernis. Eltern bangen mit ihren Sprösslingen und versuchen nicht selten auf die Lehrerinnen und Lehrer Druck auszuüben.

Es sind Szenarien wie diese, welche den Verfechtern einer Gemeinsamen Schule Futter für ihre Haltung liefern. „Eine Schulwegentscheidung mit zehn kommt zu früh. Lasst die Kinder in einer Gemeinsamen Schule länger zusammen.“ So und ähnlich lauten die Forderungen.

Teamwork

Umfragen bestätigen: Volksschullehrerinnen und -lehrer fühlen sich in den vierten Klassen von Eltern oft unter Druck gesetzt und empfinden diese Situation als belastend.

In der Volksschule Lustenau-Rheindorf haben Direktor Markus Purin (42) und sein Team eine Strategie entwickelt, möglichst viel Druck von den Lehrpersonen zu nehmen. „Bei uns bereiten alle ViertklassenlehrerInnen die Schularbeiten gemeinsam vor und korrigieren diese auch gemeinsam. Damit können wir viel Wind aus den Segeln nehmen, wenn etwa Eltern mit Vergleichen zwischen den einzelnen vierten Klassen argumentieren wollen“, erklärt Purin. Dies funktioniere gut, obwohl es trotzdem immer wieder Versuche von Interventionen bei der Notengebung geben könne. Was Purin in der Strategie der Schule bestärkt: „Wir bekommen oft gute Rückmeldungen vom Gymnasium.“

Druck ist da

Auch Johanna Aschbacher (52), Schulleiterin der Volksschule Levis in Feldkirch, kennt die Problematik. „Wir haben aufgrund unseres Migrantenanteils nicht so viele Kinder, die fürs Gymnasium in Frage kommen. Aber bei denen sind die Eltern schon dahinter, dass sie ihre Ziele erreichen“, berichte sie. Resistent sei man gegen Interventionsversuche allemal. „Druck ist da, aber nicht so massiv. Die dritten und vierten Klassen sind mit gestandenen Lehrpersonen besetzt. Zudem klappt die Kommunikation der Lehrer untereinander ausgezeichnet“, berichtet Aschbacher. Belastend sei die Tatsache, dass man mit den Eltern kaum persönlich, von Angesicht zu Angesicht, Kontakt haben könne. Aschbacher outet sich als Anhängerin einer Gemeinsamen Schule.

Heimlich aufgenommen

Als „noch ruhig“ bewertet Klaus Schwärzler (58), Direktor der Volksschule Dornbirn-Schoren, die Lage in Bezug auf Elterninterventionen wegen Schulnoten der Viertklässler. „Es hat sich noch kein Viertklässler-Elternteil wegen einer Note beschwert. Aber wir haben natürlich auch noch Schularbeiten vor der Notengebung“, berichtet Schwärzler. Er habe veranlasst, dass Schülern und Eltern knapp zwei Wochen vor der Zeugnisverteilung die Noten bekannt gegeben werden. Durch die derzeitigen Umstände werde bei der Benotung nach dem Motto „im Zweifel für den Angeklagten“ vorgegangen. In der Vergangenheit hat Schwärzler freilich auch schon anderes erlebt. „Einmal ist ein Elternteil wegen einer Note bis zum Bürgermeister gegangen. Ein anderes Mal wurde ich von einem Vater heimlich aufgenommen. Aber es sind insgesamt Einzelfälle, bei denen Eltern wegen Noten auf die Barrikaden gehen.“ Österreich ist eines der wenigen Länder der OECD, in denen eine Bildungswegentscheidung bereits im Alter von zehn Jahren fallen muss.

„Bei uns bereiten alle Viertklassenlehrer die Schularbeiten gemeinsam vor.“

Ein gutes Zeugnis wollen alle Kinder. Nicht bei allen reicht es freilich fürs Gymnasium. APA
Ein gutes Zeugnis wollen alle Kinder. Nicht bei allen reicht es freilich fürs Gymnasium. APA

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