Rauch und die Kinder von Tschernobyl

Vorarlberg / 03.02.2022 • 18:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die kleinsten Atomopfer der Katastrophe von Tschernobyl haben vielen das Herz gebrochen.VN/IB
Die kleinsten Atomopfer der Katastrophe von Tschernobyl haben vielen das Herz gebrochen.VN/IB

Der europäische Persilschein der Nachhaltigkeit für Atomenergie mobilisiert die Gegner im Land.

Schwarzach Der grüne Landesrat Johannes Rauch (62) weiß viele Argumente gegen die Atomkraft sachlich darzulegen. Doch an einem Punkt wird er emotional. „Ich war vor zehn Jahren in Tschernobyl. Ich habe die kranken Menschen dort im Spital gesehen. Vor allem die Kinder. Das bleibt unvergessen. Es soll mir einfach niemand sagen, die Atomkraft sei eine ’nachhaltige Technologie‘“.

Der Rankweiler hat mit zahlreichen Weggefährten viele Schlachten gegen die Atomkraftbefürworter geschlagen. Die jetzige Situation mit der Einstufung der Atomkraft als nachhaltige Energiegewinnung seitens der EU-Kommission, eingebettet in die sogenannte Taxonomieverordnung, ordnet er folgendermaßen ein: „Es ist ein Brachialakt der Atomlobby. Sie schnuppert im Windschatten der Energiediskussion Morgenluft.“

Lob für Gewessler

Dickes Lob setzt es von Rauch für die grüne Umweltministerin Leonore Gewessler. „Sie bereitet eine Klage beim Europäischen Gerichtshof vor. Das könnte niemand besser machen als sie.“ Rauch kann nicht verstehen, dass die Atomkraft gerade jetzt wieder fröhliche Urständ feiert. „Jetzt, wo die Alternativen auf dem Tisch liegen. Mit Photovoltaik, Wasserkraft, Biomasse, Wärmepumpen. Wer als Antwort in Energiefragen die Atomkraft nennt und keine Antworten auf Problemstellungen wie die Endlagerung hat, verspielt die Zukunft“, wird der Umweltlandesrat deutlich.

Verbündete

Auf die Diskussion im Europaparlament zum Thema ist Anti-Atomkraft-Ikone Hildegard Breiner (85) gespannt. Dass Ministerin Gewessler die Einstufung der Atomkraft als nachhaltige Energie juristisch bekämpft, findet ihre absolute Zustimmung. „Wir sind da mit Luxemburg zusammen, und ich hoffe, es gelingt, einen Bewusstseinsprozess in Gang zu setzen, der die Haltung zur Atomkraft wieder verändert.“ Man brauche Verbündete, ist für Breiner klar. Derzeit müsse man jedoch zuerst danach trachten, traditionelle Verbündete im Kampf gegen die Atomkraft bei der Stange zu halten.“ Breiner denkt an Italien, wo die Atombefürworter wieder Lunte gerochen haben.

Die stärksten Verbündeten ortet Hildegard Breiner bei der Wirtschaft. „Man wird erkennen, dass sich Investitionen in die Atomkraft nicht lohnen.“

Pro Atomkraft

Aber auch in Vorarlberg gibt es Befürworter der Atomkraft. Zu diesen zählt Alois Kegele (67), Elektrotechnikingenieur, der in den 80er-Jahren bei der Inbetriebsetzung von vier deutschen Atomkraftwerken im Einsatz war. „Moderne Atomkraftwerke haben enorm hohe Sicherheitsstandards. Man sollte sich auch vor Augen führen, dass bei Kohlekraftwerken und durch Dammbrüche bei Wasserkraftwerken bereits Tausende Menschen ihr Leben verloren. Das sind ungleich mehr Opfer als bei Atomunfällen. Es ist auch die Endlagerung der Brennstäbe absolut beherrschbar“, nennt Kegele Gründe, die aus seiner Sicht für eine Nutzung der Kernenergie sprechen. Die deutschen Atomkraftwerke hätten in den vergangenen 30 Jahren mehr CO2-Ausstoß verhindert, als der deutsche Autoverkehr erzeugt habe.

„Es vollzieht sich derzeit ein Brachialakt der Atomlobby. Sie schnuppert Morgenluft.“

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