Gestrandet im Camp Vorkloster

Tausende ukrainische Kriegsflüchtlinge fanden Schutz im Land. Auch Zorianna Hyworon.
Bregenz Zorianna Hyworon zerreißt es fast das Herz. Die Bilder der flüchtenden Mütter, die ihre Kinder nach der russischen Invasion vor Putins Krieg in Sicherheit bringen, Ehemänner und ältere Söhne zurücklassen müssen, wühlen sie auf. Die heute 76-Jährige war selbst Flüchtling, lebte vier Jahre im Camp Vorkloster in Bregenz. Es waren ihre ersten Lebensjahre. Zorianna war ein Fluchtkind, kam in Wien zur Welt. Die Familie sollte kurze Zeit später Schutz in Vorarlberg finden.
Die Erinnerungen seien jene durch die Augen eines Kindes. Malbücher, Konzerte, Kirchenfeste, Kinderreime, die sie noch heute auf Deutsch aufsagen könne. „Aber ich erinnere mich auch lebhaft an die Warnung, sehr vorsichtig mit Fremden umzugehen“, beschreibt sie im Gespräch mit den VN. Es war die Sorge vor möglichen sowjetischen Agenten, die die Lager infiltrieren würden.
Auf der Flucht
Zuflucht in Vorarlberg. Auch heute sind wieder Mütter mit ihren Kindern aus der Ukraine in Vorarlberg angekommen. Sie werden in Unterkünfte im ganzen Land aufgeteilt. Die Geschichte wiederholt sich. Historiker Wolfgang Weber forscht seit über 15 Jahren zur Flucht aus der Ukraine. „Es ist nicht das erste Mal, dass Vorarlberg in den vergangen 100 Jahren Flüchtlinge aus der Ukraine aufnimmt“, so der Experte. Die Umstände hätten sich aber verändert. Mit dem Ersten Weltkrieg kamen Binnenflüchtlinge. Anfangs einige Beamtenfamilien, die rasch Arbeit gefunden hätten. Später Landarbeiter, die in Gasthäuser und Massenquartieren in stillgelegten Fabriken einquartiert worden seien. Weber beziffert ihre Zahl im Sommer 1915 mit rund 2000 und beschreibt Spannungen mit der Bevölkerung.Gegen Ende des Jahres sei fast die gesamte ukrainische Flüchtlingspopulation aus dem Land geschafft worden.
Bis zu 6000 Ukrainer
30 Jahre später, wieder kommen Ukrainer in großer Zahl ins Land. 1942 wurden knapp 3000 Zwangsarbeiter gezählt, nach der Befreiung ihres Landes von der NS-Okkupation folgte die nächste Fluchtwelle mit weiteren rund 3000 Personen. 1945 strandete schließlich auch Zorianna Hyworon mit ihren Eltern in Bregenz. Das Camp Vorkloster sollte für die nächsten vier Jahre ihre Heimat werden. Für die ukrainischen Flüchtlinge war Vorarlberg nur Transitland. Nordamerika, Australien und Argentinien standen bei ihnen hoch im Kurs.
Der hohe Anteil an Flüchtlingen, jeder Fünfte in der Bevölkerung, machte dem Land 1945 zu schaffen. Neben privaten Unterkünften und Gasthäusern dienten auch Reichsarbeitsdienstlager als Quartiere. Von Bludenz bis Bregenz habe es zehn dieser Lager gegeben, eines davon war das Camp Vorkloster, so Historiker Weber. In den Größten hätten bis zu 500 Personen Platz gefunden. „Sie bestanden aus zumindest sechs Baracken, einem zentralen Gang zwischen acht und zwölf Zimmern für je vier Personen, einer Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsdusche. „Sämtliche Grundbedürfnisse waren gesichert“, so Weber. Militär-, Landesregierung und „Service Social“ hätten die Camps unter Selbstorganisation geführt. „Sämtliche Funktionen, die es in einem Lager gab, haben die Flüchtlinge selbst übernommen“, beschreibt Historiker Weber. Das habe gut funktioniert. Die Tagesstruktur der Flüchtlinge sei durch die Selbstverwaltung vorgegeben gewesen, Kontakt nach außen habe es allerdings kaum gegeben. Auch keine Arbeit im Land. Die Wirtschaft lag darnieder, auch auf den Feldern gab es für die ukrainischen Flüchtlinge nichts zu tun. „Prioritäres Ziel war nicht, zu integrieren, sondern weiterzuwandern“.
1949, ein Jahr bevor die Camps geschlossen wurden, gab es in Vorarlberg nur noch rund 200 ukrainische Flüchtlinge. In diesen Tagen brach Zorianna Hyworon mit ihrer Familie über Bremerhaven nach Halifax auf. In Kanada sollte sie ihre neue Heimat finden, erfolgreich ein IT-Unternehmen gründen.
Seit ein paar Tagen ist die 76-Jährige zurück in Europa. Von Wien aus unterstützt sie Landsleute auf der Flucht. Für die Flüchtlinge im Camp Vorkloster sei der Krieg trotz einiger Gefahren bereits vorbei gewesen. Das sei jetzt anders. Diese Familien würden den Krieg jeden Tag erleben, das Töten und die unglaubliche Zerstörung gehen unvermindert weiter.
„Die Camps wurden damals von den Flüchtlingen in Selbstverwaltung geführt.“

